Scamadviser: Ein Blick auf den weltweiten Online-Betrug im Netz

Ist diese Website oder der Online-Shop ein Betrug? Sind die Bewertungen echt oder gefälscht? Diese Fragen, versucht Scamadviser jeden Monat für 2,5 Millionen BesucherInnen zu beantworten.

Du bist neu auf einer bestimmten Website und bist dir nicht sicher, ob der Online-Shop fake oder echt ist? Es gibt zwar Bewertungen, doch die klingen alle fast zu gut, um wahr zu sein? Scamadviser sieht genauer hin und versucht für seine monatlichen 2,5 Millionen BesucherInnen die richtigen Antworten auf diese Fragen zu finden. Dabei prüft ein Algorithmus mithilfe von 40 unabhängigen Datenquellen, ob die Website legal betrieben wird, ob die darauf veröffentlichten Bewertungen echt sind oder aber, ob es sich um eine Pishing-Website handelt. Jede Website erhält ihren eigenen Trust Score, für dessen Ermittlung unter anderem die IP-Adresse des Webservers, die Verfügbarkeit von Kontaktdaten, das Alter der Domain und Ratings auf Bewertungsplattformen herangezogen werden. Scamadviser hat es sich zum Ziel gesetzt, KundInnen auf der ganzen Welt zu helfen, online die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir haben Scamadviser-Gründer Jorij Abraham für ein persönliches Gespräch getroffen.

HV: Scamadviser gibt es seit 2012. Wie funktioniert eure Software? Wie sieht der Prozess aus, wenn ein Kunde einen Betrugsfall bei euch meldet?

Abraham: Scamadviser erhält täglich etwa 800 Bewertungen, Kommentare und E-Mails von VerbraucherInnen über verschiedene Websites. Diese werden automatisch zur Auswertung jeder Website verarbeitet. Dabei verlassen wir uns nicht auf eine negative Bewertung, um einer Website einen schlechten “Trust-Score” zu verpassen, denn sonst müssten auch apple.com und amazon.com als betrügerische Seiten gelistet sein – was ja in beiden Fällen nicht zutrifft. Stattdessenbetrachtet wir 40 verschiedenen Datenpunkte, um eine fundierte Vertrauensbewertung zu erstellen.

HV: Woran lässt sich ein Fake-Onlineshop erkennen?

Abraham: Es gibt viele Dinge, auf die geachtet werden muss. Die einfachste Regel lautet: Wenn ein Angebot zu gut ist, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich auch so. Ist der Preis auf einer Website um 10% günstiger als anderswo, dann sollte man bereits sehr vorsichtig sein. Andere Auffälligkeiten sind: das Fehlen von Kontaktdaten, Grammatikfehler sowie eine große Anzahl sehr positiver Bewertungen in kurzer Zeit. Denn normalerweise hinterlässt nur 1 von 200 VerbraucherInnen ein Rating, sodass eine neue Website Zeit benötigt, bis sie viele Bewertungen erhält.

HV: Wie oft kommt es vor, dass ein Onlineshop zwar existiert und Produkte auch versendet werden, aber zum Beispiel der Umtausch oder die Geldrückerstattung absichtlich nicht rechtsgemäß abgewickelt werden– Onlineshops, die sich sozusagen in einer „Grauzone“ befinden?

Abraham: Das geschieht immer häufiger. Insbesondere Online-HändlerInnen aus asiatischen Ländern halten sich oft nicht an europäische Gesetze und das Recht, ein Produkt innerhalb von 14 Tagen zurückgeben zu können. Einige Anbieter, darunter hauptsächlich chinesische Websites, gestalten die Rücksendung von Produkten so schwierig wie möglich, beantworten keine E-Mails, lassen die KundInnen auf den Kosten für das Zurückschicken von Produkten sitzen – die in vielen Fällen sogar teurer sind als der Wert der Bestellung selbst – und verweigern die Rückerstattung.

HV: Kannst du uns von einem besonders kuriosen (Erfolgs-)Fall erzählen, bei dem ein Betrug mithilfe von Scamadviser aufgedeckt wurde?

Abraham: Scamadviser identifiziert immer mehr sogenannte „Betrugsnetzwerke“. Einige Betrüger betreiben hunderte von Online-Shops, die alle die gleichen Waren anbieten. Sobald eine Website als Fake identifiziert wird, wird die nächste aktiviert. Die gute Nachricht ist, Scamadviser ist ziemlich gut darin, den „Fingerabdruck“ solcher Betrugsnetzwerke zu erkennen, sodass Websites als Betrug aufgelistet werden, noch bevor die erste Beschwerde eingeht.

HV: Mit welchen Partnern arbeitet Scamadviser zusammen?

Abraham: Aktuell besteht eine Zusammenarbeit mit mehr als 50 Partnern in den Bereichen Strafverfolgung, Verbraucher- und Markenschutz. Dabei bietet Scamadviser seinen Partnern Zugriff auf unsere Daten, um potenzielle Betrugsfälle zu identifizieren, Betrugsnetzwerke zu untersuchen und Websites zu finden, die Marken missbrauchen. Im Gegenzug stellen sie uns Listen mit schädlichen Websites zur Verfügung, mit Hilfe derer wir VerbraucherInnen warnen können.

HV: Euer GLOBAL ONLINE SCAM SUMMIT findet am 4. November unter dem Motto „Fighting Online Fraud Together“ statt. Warum zahlt es sich aus, beim Online-Event dabei zu sein? Welche Themen werden besprochen und was kostet die Teilnahme?

Abraham: Das Ziel des globalen Online-Betrugsgipfels ist es, den Ländern den Erfahrungsaustausch bei der Identifizierung, Untersuchung und Festnahme von BetrügerInnen zu ermöglichen. Letztes Jahr haben mehr als 400 TeilnehmerInnen aus Strafverfolgungsbehörden, Verbraucherbehörden und Markenschutzbehörden Daten miteinander ausgetauscht und daraus ihre Lehren gezogen. Besonders praktisch ist, dass die Teilnahme für nichtkommerzielle Organisationen kostenlos ist.

HV: Besteht eine Kooperation zwischen Scam Summit und Amazon?

Abraham: Amazon Alexa ist nur einer unserer 40 Datenpunkte und gibt Hinweise dazu, wie beliebt eine Website ist. Wir haben keine formelle Beziehung zu Amazon. Die Daten sind Open Source.

HV: Wie viele Betrugsfälle konnten mit Hilfe von Scamadviser bereits aufgedeckt werden? In welchen Produktsegmenten kommt es am ehesten zu nachweislichem Betrug?

Abraham: Die Betrugsfälle, die das Scamadviser-Team aufdeckt, sind unglaublich unterschiedlich. Nur 16% der von uns bewerteten Websites beziehen sich auf Online-Einkäufe. 14% sind auf Kryptowährungen und Investitionsbetrug zurückzuführen. Die anderen 70% bilden eine Menge anderer Arten von Betrug, von Abonnementprogrammen, die „unbegrenzte Videos, Musik und Spiele“ anbieten, bis hin zu Dating-Sites, auf denen KonsumentInnen versprochen wird, die Liebe Ihres Lebens kennenzulernen, die sich dann leider als Chat-Bot entpuppt.

HV: Wenn es doch einmal passiert und KundInnen auf einen Fake Onlineshop reinfallen: Gibt es Möglichkeiten, das Geld wieder zurückzubekommen?

Abraham: Ja, da gibt es Möglichkeiten. Die KundInnen können sich jederzeit an ihr Kreditkartenunternehmen oder an PayPal wenden und das eingesetzte Geld zurückfordern. Doch die Scamadviser-Community teilte uns in letzter Zeit häufiger mit, dass diese Unternehmen immer „schwieriger“ werden und die KundInnen vermehrt für die von ihnen getätigten Transaktionen selbst Verantwortung übernehmen müssen. Scamadviser erhält die meisten Hilfsanfragen von Personen, die in diverse Kryptowährungen „investiert“ haben. Trotz den Aussagen von sogenannten „Geldwiederherstellungsfirmen“ ist das Geld hier normalerweise verloren. Und wenn nicht innerhalb von 24 bis 48 Stunden gehandelt und versucht wird, das Geld wieder zurückzubekommen, gehen die Chancen auf eine Rückerstattung sowieso gegen null.

HV: In welchen Ländern spielt Online-Betrug eine besonders große Rolle und warum ist das so?

Abraham: Jedes Land sammelt auf seine eigene Weise Daten über Online-Betrug und damit ist es schwierig, einzelne Länder zu vergleichen. Indien und Mexiko melden die meisten Betrugsfälle, relativ betrachtet sind das jeweils 103 bzw. 80 pro 1.000 EinwohnerInnen. Im Großteil der westlichen Länder liegt diese Zahl eher zwischen 2,5 und 6.

Eine Scamadviser Studie, inklusive eines globalen Betrugsberichts, veranschaulichte, dass jedes Land seine eigenen Präferenzen in Bezug auf Betrug hat. ChinesInnen fallen oft auf Gaming-Betrug herein: Es werden virtuelle Skins (Gaming-Kostüme) und Waffen gekauft, die dann aber nicht geliefert, sprich im Game nicht zur Verfügung gestellt, werden. Die AmerikanerInnen waren letztes Jahr besonders für Welpenbetrug geeignet. Viele indische KundInnen glauben daran, schnell reich zu werden, indem sie in Kryptowährungen und sogenannte High-Yield-Investitionsprogramme investieren.

Jorij Abraham | Managing Director bei Scamadviser

Jorij Abraham ist ein Multichannel & E-Commerce-Generalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung.  Bei Scamadviser ist er als Managing Director tätig. 2011 gründete er die eCommerce Foundation, die E-Commerce-Aktivitäten durch Forschungsstudien zum digitalen globalen Handeln, einen Wissensaustausch zwischen beteiligten Unternehmen und Branchen und Benchmarking-Bemühungen verbessern möchte.  

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