Das Besondere bieten

Holger Bonin, Leiter des österreichischen Instituts für Höhere Studien (IHS), im retail.at-Interview über Wachstumschancen, Öffnungszeiten, Erwerbsquoten und „sichtbare Neuerfindungen“ im Handel.

Österreichs zuletzt geschrumpfter Wirtschaft könnte zartes Wachstum bevorstehen. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Holger Bonin: Wir erwarten für heuer einen moderaten Aufwärtstrend, 2026 dürfte es stärker nach oben gehen, weil der private Konsum und die Weltwirtschaft anspringen. Die Lage ist volatil, das macht die Einschätzung schwierig – für uns Prognostiker:innen, aber auch für Unternehmen und Privatpersonen, die überlegen, in welchem Umfang sie investieren und konsumieren.

Die EU hat einen „Kompass für Wettbewerbsfähigkeit“ vorgelegt. Hilft das dem Handel?

Bonin: Da stecken viele strukturelle Maßnahmen drinnen, die aber nicht kurzfristig wirken. Das Versprechen zum Bürokratieabbau klingt positiv, Bürokratieabbau ist aber leichter gesagt als getan. Zudem ist das Hauptproblem des Handels nicht die Bürokratie, sondern die Konkurrenz durch international agierende Konzerne, die mit Internetplattformen in den Markt drängen. Dem wird man mit Regulierungen nicht beikommen.

Was empfehlen Sie?

Bonin: Der heimische Handel sollte erstens selbst Plattformen bilden und darauf auch kleine Einzelhändler digital bündeln. Zweitens: Think Local. Viele Leute wollen vermehrt etwas „Besonderes“ kaufen. Auf dieses Bedürfnis nach Individualisierung können Händler reagieren. Eine weitere Möglichkeit, das Einkaufen vor Ort attraktiver zu machen, sind die Öffnungszeiten. Rechnet es sich für Unternehmen nicht, werden sie nicht länger öffnen. Aber eine Liberalisierung der Öffnungszeiten schafft Nischen, damit könnten sich etwa kleinere Geschäfte markant absetzen.

Erfordert das ein Umdenken?

Bonin: Ja, und das wäre fallweise sehr hilfreich. Beim Versuch, mir ein neues Auto zu kaufen, habe ich festgestellt, dass einige Autohändler am Samstag geschlossen haben. Ja, wann soll man denn ein Auto kaufen, wenn nicht am Samstag? Gerade in einem herausfordernden Markt sollten die Bedürfnisse der Konsument:innen verstärkt im Fokus stehen.

Donald Trump könnte weitere Herausforderungen bringen: Kommt ein „Handelskrieg“?

Bonin: Das ist möglich, aber schwer einzuschätzen, weil Trump gerne auch Bedrohungen aufbaut, die nicht realisiert werden. Ich rechne jedenfalls damit, dass die US-Zollschranken gegenüber Europa und vor allem China erhöht werden – und chinesische Händler folglich versuchen, ihre Güter in anderen Bereichen der Welt stärker abzusetzen. Das kann den heimischen Handel unter Druck bringen.

Was empfehlen Sie Händlern in dieser insgesamt herausfordernden Situation?

Bonin: Sich selbst reflektieren. Besser werden. Nicht stehen bleiben. Sich realistisch den Veränderungen stellen. Überlegen: Was ist, wenn der Konsum nicht mehr so anspringt, wie wir es aus der Vergangenheit gewohnt sind? Sollte sich das als Fehleinschätzung erweisen, ist das weniger schlimm, als wenn der verhaltene Konsum andauert und man darauf unvorbereitet ist.

Wie bereitet man sich vor?

Bonin: Am Anfang sollte die Überlegung stehen, wie man sich verändern und abheben kann. Wichtig ist, der Kundschaft zu zeigen: Wir erfinden uns neu. Wir haben etwas, das euch wieder in unsere Geschäfte bringt. Und: Gute Beratungsqualität durch Menschen ist ein großes Plus. Viele Konsument:innen mögen keine Chatbots, also können Händler mit genau den Leistungen punkten, die es im Internet nicht gibt: Menschlich sein, komplexe Probleme lösen, individuelle Beratung bieten. Auch ein attraktives Warenangebot hilft. Der stationäre Handel wird mit Onlineshops nicht auf der Preisebene konkurrieren können und muss also die Zahlungsbereitschaft herstellen, indem etwas Besonderes geboten wird.

Gewinnt das Einkaufserlebnis an Bedeutung?

Bonin: Ja. Die Leute sind bereit, zu konsumieren. Wenn sie konsumieren, wollen sie das Gefühl haben, dass sie etwas Einzigartiges bekommen. Die schnelle Bedürfnisbefriedigung mit standardisierten Produkten erledigt der digitale Handel in vielen Fällen sehr effizient und preisgünstig. Aber etwas Besonderes, das ich sehen und anprobieren will, kaufe ich gerne vor Ort, wenn ich dabei gut beraten werde. Viele Konsumgüter werden komplexer. Die technischen Geräte können mehr, sind aber nicht einfach zu bedienen. Da ist Beratungsqualität gefragt. Durch gutes Personal differenziert man sich vom digitalen Markt, der ja ein anonymer Massenmarkt ist. Ich gehe gerne einkaufen und schätze dabei kompetente, menschliche Face to Face-Beratung.

Die europäische Ratingagentur Scope empfiehlt Österreich, neue Anreize für eine höhere Erwerbsbeteiligung zu schaffen – insbesondere für Frauen und ältere Menschen. Was halten Sie davon?

Bonin: Das ist sehr wichtig und würde dem Handel insofern helfen, als dann viele Leute mehr Einkommen hätten. Durch die Verschwendung von Arbeitsfachkräften geht ja auch Konsumkraft verloren. In Österreich sind die Erwerbsquoten für Frauen und für Menschen ab 55 Jahren im europäischen Vergleich ungewöhnlich niedrig. Das liegt an den Rahmenbedingungen. Etwa, was Kinderbetreuungseinrichtungen mit bedarfsgerechten Öffnungszeiten betrifft. Aufgrund des demografischen Wandels scheiden in den nächsten Jahren extrem viele Arbeitskräfte aus. Vielfach fehlen die Leute, diese Arbeitsplätze neu zu besetzen. Das kostet Wirtschaftsleistung. Neue Regelungen zur Frühpensionierung würden helfen.

Was könnte man dem Fachkräftemangel noch entgegensetzen?

Bonin: Ein ganz wesentlicher Punkt ist die bessere Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt. Außerdem müssen wir mehr Nicht-Fachkräfte zu Fachkräften machen. Grundvoraussetzung dafür ist, dass hinreichend qualifizierte Personen aus dem Schulsystem kommen. Die Lösung besteht aber nicht nur darin, mehr Arbeitskräfte zu produzieren oder die vorhandenen länger arbeiten zu lassen. Man kann auch technologischen Fortschritt nutzen, um Arbeit einzusparen, um Abläufe effizienter zu machen. In unserer demografischen Situation schafft das keine Arbeitslosigkeit, sondern bessere und anspruchsvollere Arbeitsplätze. Auch im Handel. Dort könnten Angestellte im Sinne des Einkaufserlebnisses, auch mit digitaler Unterstützung, noch besser beraten und das Verkaufen mit anderen Services verbinden. Das kann die Wertschöpfung erhöhen.

(C) Matphoto
Holger Bonin (Fotocredit: IHS / Matphoto)

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