Noch im April dieses Jahres haben wir uns in LEGAL UPDATE #46 eingehend mit der von Google vorangetriebenen “Privacy-Sandbox-Initiative” beschäftigt – der Idee nach “datenschutzfreundlichen” Web-Standards, welche effektive Werbung mit weniger invasiven Methoden als beispielsweise klassisches Cookie-Tracking ermöglichen sollten. Dennoch hagelte es massive Kritik: Ein Dieb, welcher anderen Leuten nur weniger Geld stiehlt als ein anderer Dieb, könne deshalb nicht als Vermögensschützer bezeichnet werden, kommentierte etwa der österreichische Datenschutzaktivist Max Schrems die Privacy Sandbox. Kurz darauf wurde bekannt, dass das damit verbundene Ende von Drittanbieter-Cookies im Google Chrome Browser bis 2025 hinausgezögert wird; nun ist dieses überhaupt vom Tisch – und laut Vermutungen scheinen damit auch die Tage der Privacy Sandbox allmählich gezählt.

1. Kein Ende von Drittanbieter-Cookies in Google Chrome
Anstatt Drittanbieter-Cookies abzuschaffen, informierte Google Interessierte in einem Update vom 22. Juli 2024 nunmehr darüber, dass Nutzern im Rahmen des Chrome-Browsers stattdessen eine neue Möglichkeit bereitgestellt werden soll, eine informierte Entscheidung für ihr gesamtes Surfverhalten zu treffen. Damit bleiben Drittanbieter-Cookies der Werbebranche grundsätzlich erhalten – und zumindest deaktivieren ließen sich diese schon seit Längerem. Trotzdem wird es zusätzliche Datenschutzeinstellungen, unter anderem eine IP-Anonymisierung im Inkognito-Modus geben. Daneben sollen aber auch die Privacy-Sandbox-APIs weiterhin verfügbar sein – ob die Initiative nach dieser Ankündigung allerdings praktisch weiterhin vorangetrieben wird, ist Branchenmeinungen zufolge zweifelhaft.
2. Privacy-Sandbox-Stolpersteine
Gerade in letzter Zeit wurde vermehrt Kritik an der Privacy Sandbox geübt – und das aus verschiedenen Blickwinkeln. Folglich ist davon auszugehen, dass diverse Faktoren einen Beitrag zur strategischen Entscheidung der Beibehaltung von Drittanbieter-Cookies – und der erwarteten Ausbremsung der Privacy Sandbox – geleistet haben.
Zunächst sollte die Privacy Sandbox zwar die Privatsphäre der Nutzer verbessern, Werbetreibenden aber gleichzeitig auch weiterhin effektive, zielgerichtete Werbung – durch Nutzung der in LEGAL UPDATE #46 dargestellten APIs – ermöglichen. Laut Macquarie Equity Research soll es aber gerade hier zu Einbußen kommen, da die Privacy Sandbox sowohl bei Video-Anzeigen als auch im Rahmen von Direktgeschäften zwischen Publishern und Werbetreibenden keine adäquaten Ergebnisse liefere und zusätzlich mit erheblichen Latenzzeiten bei Auktionen kämpfe. Das könnte nicht nur die Einnahmen der Werbetreibenden, sondern auch jene von Google selbst (zB im Hinblick auf die marktführende Stellung von AdSense) empfindlich beschneiden.
Aus wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten schüren sich Bedenken, dass im Zentrum der Privacy Sandbox der Google Chrome Browser steht und das Tracking und Targeting handhabt – dies würde die marktbeherrschende Stellung von Google nur ausweiten. Auch scheint nicht völlig klar, unter welchen Bedingungen bestimmte über den Browser erhobene Informationen an das Unternehmen weitergeleitet werden können. Folglich sieht sich Google laufend wettbewerbsrechtlichen Verfahren oder Untersuchungen ausgesetzt, unter anderem in Europa, Großbritannien und den USA.
Letztlich sind es aber gerade auch datenschutzrechtliche Gesichtspunkte, welche die Privacy Sandbox in den Mittelpunkt der Kritik rücken, obwohl ja gerade in diesem Bereich die beworbenen Vorteile der Initiative zum Tragen kommen sollten. Von Datenschützern, Aktivisten und auch Behörden wird immer wieder mangelnde Transparenz der Datenverarbeitungsaktivitäten im Rahmen der Privacy Sandbox beanstandet – dies gepaart mit der Tatsache, dass auch ohne Cookies in einer Weise mit den Endgeräten der Nutzer interagiert wird, die im Anwendungsbereich von EU-Recht eine vorangehende Nutzereinwilligung erfordert.
Erst kürzlich hat die von Max Schrems gegründete Datenschutz-NGO “noyb”, welche darauf spezialisiert ist, Datenschutzverletzungen durch große Unternehmen zu bekämpfen, eine Beschwerde bezüglich der Privacy Sandbox bei der österreichischen Datenschutzbehörde eingebracht. Konkret geht es um die “Funktion zum Datenschutz bei Werbung”. Den Nutzern werde dabei vorgespielt, dass sie neue Schutzmaßnahmen gegen Werbetracking aktivieren, während sie laut noyb tatsächlich der Verarbeitung ihrer Daten für personalisierte Werbung zustimmen. Die datenschutzrechtlich notwendige Einwilligung werde diesbezüglich aufgrund irreführender Informationen nicht rechtswirksam eingeholt.
3. Conclusio
Obwohl die Zukunft der Privacy Sandbox derzeit noch offen ist und nicht schon mit Sicherheit von einem Scheitern der Initiative gesprochen werden kann, musste Google bereits einige Rückschläge hinnehmen und das Konzept zunehmend aufweichen. Dabei hilft die negative Publicity keineswegs, das Vertrauen der Nutzer zu stärken – und die Gegner des Vorstoßes werden sich durch das Zurückrudern beim Ende der Drittanbieter-Cookies nur weiter bestätigt darin fühlen, Staubkörner aufzuwirbeln.
Werbende Unternehmen wiederum können auch fortan auf Drittanbieter-Cookies zur Schaltung gezielter Werbung setzen, was zumindest kurzfristig Stabilität in ihrer Werbestrategie gewährleistet und Bedenken bezüglich möglicher Effektivitätseinbußen durch die Umstellung auf einen neuen Trackingmechanismus ausräumt.

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