Keine Entwarnung gibt es von der Insolvenzfront – im Gegenteil: Mit einer Steigerung von 20 % der Fälle führt der Handel die Insolvenzstatistik des 1. Halbjahres 2024 an, berichtet der KSV1870.

Die Wirtschaft stagniert weiterhin, das spürt auch der Handel. Trotz einiger positiver Frühindikatoren hat die Branche den Weg aus der Krise noch nicht geschafft: Im 1. Quartal 2024 waren die Umsätze der Branche weiter rückläufig (nominell: -2,8 %; real: -2,9 %). Das hinterlässt seine Spuren auch in der Insolvenzstatistik:
Laut den nun vorliegenden endgültigen Daten für das 1. Halbjahr 2024 ist die Zahl der Firmenpleiten in Österreich insgesamt um 26 % gestiegen, berichtet der KSV1870. Und obwohl öffentlich vor allem die Krise der Baubranche und der Industrie thematisiert wird, ist nach Branchen betrachtet tatsächlich der Handel (inkl. Instandhaltung und Reparatur von Kfz) mit 578 Fällen (+ 19,7 % gegenüber 1. HJ 2023) der traurige Spitzenreiter der Branchen-Hitparade. Erst knapp dahinter folgt die Bauwirtschaft mit 577 Fällen (+ 27,4 %) sowie der Bereich Beherbergung/Gastronomie (401 Fälle; + 14,6 %).
Diese drei Branchen sind aktuell für fast die Hälfte aller Insolvenzfälle verantwortlich. „Angesichts eines in Österreich recht hohen Preisniveaus, etwa beim Faktor Energie, leiden diese Branchen unter ihrer energieintensiven Tätigkeit ganz besonders“, lautet der Erklärungsversuch von Karl-Heinz Götze, MBA, Leiter KSV1870 Insolvenz.
Von den 578 Insolvenzfällen im Handel wurden 374 Insolvenzverfahren eröffnet, 204 Fälle abgewiesen. Die Passiva lagen bei 381 Mio. Euro und damit deutlich höher als im Bau (297 Mio. Euro) und im Bereich Beherbergung/Gastronomie (118 Mio. Euro).
Signa-Insolvenzen sorgen für Passiva-Rekord
Geht es nach der Summe der Passiva, ist die Statistik für das erste Halbjahr 2024 vor allem vom Zusammenbruch der Signa-Gruppe geprägt. So befinden sich unter den bis dato fünf größten Insolvenzen vier Fälle aus der „Signa-Sphäre“, die mit summierten Passiva von rund 6,7 Mrd. Euro den Großteil der insgesamt 11,1 Mrd. Euro (+ 921 % gegenüber 2023) an Verbindlichkeiten ausmachen. Die größte Pleite des Jahres betrifft die Familie Benko Privatstiftung (Passiva: 2,3 Mrd. Euro), dahinter folgt der Unternehmer René Benko (rd. 2 Mrd. Euro).
Kaum Besserung in Sicht
„Der wirtschaftliche Druck steigt und Österreichs Unternehmen müssen um jeden Euro kämpfen. Für immer mehr Betriebe spitzt sich die Lage zu. Es ist aktuell davon auszugehen, dass sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen auch in den kommenden Monaten auf ähnlich hohem Niveau bewegen wird”, fasst Götze die aktuelle Entwicklung zusammen. „Es ist damit zu rechnen, dass wir im Dezember 2024 über ein Insolvenzjahr sprechen müssen, das es in der jüngeren Vergangenheit schon lange nicht mehr gegeben hat. Denn aktuell deutet wenig darauf hin, dass die bestehende Insolvenzdynamik in den nächsten Monaten stagniert.“ Insofern erachtet der KSV1870 aus heutiger Sicht zumindest 6.500 Unternehmensinsolvenzen am Jahresende als sehr wahrscheinlich, eventuell auch etwas mehr.
Umso dringender ist auch die kommende Bunderegierung gefordert, mit Maßnahmen wie einem umfassenden Bürokratieabbau, Entlastungen bei den Lohnnebenkosten und Standortimpulsen für ein wettbewerbsfähiges Österreich gegenzusteuern. Der Handelsverband hat seine 50 Empfehlungen bereits eingebracht.
