Gerade in der Vorweihnachtszeit kann es zu stressigen Situationen kommen. Gastautorin Corinna Häsele, Psychologin und auf Stressmanagement spezialisierte Unternehmerin, gibt Tipps, wie man im Gleichgewicht bleibt.

Schon wieder trifft es Andi.
Die Kolleginnen haben ihre Urlauswünsche bekannt gegeben und auch alle jene Zeiten, an denen sie private Verpflichtungen unterbringen müssen. Andi hat es mit seinem permanent hohen Einsatz zum stellvertretenden Marktleiter gebracht, immer ist er da, wenn er gebraucht wird. Aber ausgerechnet heuer wäre es auch ihm wichtig, unaufschiebbare Erledigungen und Besuche in der Vorweihnachtszeit unterzubringen. Seine Mutter hatte einen Unfall, jetzt kann sie viele Vorbereitungsarbeiten für den gemeinsamen Weihnachtsabend nicht übernehmen.
Andi hat auf Solidarität seiner KollegInnen gehofft, die haben sich aber wie immer auf ihn und seine permanente Verfügbarkeit verlassen.
Täglich wird die To-do-Liste länger, im Handel ist vor Weihnachten Hochsaison. Extrem viele Waren kommen täglich an, Sonderaktionen und Promotionen sind zu planen und im Geschäft umzusetzen. Jeder ist gefordert. Von dem hohen Stresspegel rund um Weihnachten sind alle Betroffen. Das Maß an Belastung ist hoch – vieles wirkt von außen auf uns ein, dem wir gerecht werden müssen, gerade in einer hoch emotionalen Zeit wie Weihnachten.
Andi hat wie jedes Jahr früh mit den Vorbereitungen begonnen, um möglichst viel Druck aus dem engen Zeitkorsett frühzeitig abzufangen und noch Handlungsspielräume für spontane Aktionen oder unvorhergesehene Aktivitäten zu schaffen. Er ist ein Freund frühzeitiger Entscheidungen, dann wenn die Zeit nicht drängt, denn zu großer Zeitdruck ist ein Kreativitätskiller – das bedeutet AGIEREN statt REAGIEREN.
Die eigene Familie hat Andi in seinen Vorplanungen allerdings nicht berücksichtigt. Erst jetzt erkennt er, wie viele wichtige Aktivitäten seine Mutter gesetzt hat, um das Weihnachtsfest für die ganze Familie perfekt zu machen, so dass er selbst immer bis spät im Supermarkt anwesend sein konnte.
Und jetzt reicht seine Aufgabenliste von Arztbesuchen mit der Mutter in der Vorweihnachtszeit mit teilweise langen Wartezeiten bis zum perfekten Abendessen für die ganze Familie. Für seine Kolleg:innen hat er immer versucht, die Arbeitszeiten an die familiären Verpflichtungen anzupassen, er war ja da. Aber jetzt braucht auch er Flexibilität während der Hochsaison.
Tägliche „Morning Map“
Andi entscheidet sich für zwei Dinge: genaue Planung und offene Kommunikation im Team.
To-Do-Listen sind gut; damit diese aber nicht eine unerreichbare Länge von 80 bis 100 To-Dos bekommen, bei deren Betrachtung allein bereits Demotivation einsetzt, empfehle ich eine tägliche „Morning Map“ zu erstellen.
Wichtig erscheint mir, diese tägliche Morning Map nicht zu überfrachten. Verplanen Sie nur max. 60 % Ihrer Zeit und definieren Sie nicht mehr als 3 Punkte, die Sie am heutigen Tag unbedingt erledigen müssen. Ihr Tag startet dann genau mit diesen 3 Aufgaben. Wenn Sie diese am Abend abhaken können, schaffen Sie täglich ein Erfolgserlebnis. Repositionieren Sie die Aufgaben regelmäßig und schaffen Sie so eine Struktur, die es Ihnen erlaubt, fokussiert einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Dadurch vermeiden Sie Überlastung.
Wichtig ist, auf der To-Do-Liste auch regelmäßig Positionen zu streichen. Erlauben Sie sich, auf scheinbar Unverzichtbares zu verzichten. Manchmal hängen daran keine Must-haves sondern nur Glaubenssätze, wie etwas zu sein hat oder die eigene Perfektion. Streichen entlastet enorm.
Offene Team-Kommunikation
Für die gemeinsamen Projekte im Supermarkt hat Andi sich für eine Intensivierung der Team-Kommunikation entschieden. Andi beginnt sein Team bzw. einzelnen Team-Mitglieder stärker in die Vorbereitungsarbeiten einzubinden und gemeinsam Projekte zu priorisieren.
Bei laufenden Projekten hilft eine gemeinsame Priorisierung aufzuzeigen, wann welche Aktivitäten passieren bzw. abgeschlossen werden müssen. Vielleicht sind nicht alle Aktivitäten inhaltlich bis Weihnachten fertig zu stellen, sondern nur einzelne Projektschritte. Ein gemeinsames Verständnis hilft bei der Organisation. Regelmäßige, rechtzeitige und gemeinsame Priorisierungen entlasten und schaffen ein gemeinsames Verständnis. Das sorgt für mehr Transparenz. Nutzen Sie für die gemeinsame Planung gerne auch Visualisierungen, das hilft den Überblick zu bewahren und Zeit zu sparen. Unser Gehirn reagiert besonders rasch auf visuelle Reize.
Indem Andi sein Team mit einbindet, braucht er nicht mehr ständig selbst vor Ort zu sein, auch Kolleg:innen kennen sich aus, wenn Warenlieferungen ankommen bzw. Promotionsprojekte abgenommen oder Nachfragen beantwortet werden müssen.
Trotz des hohen Zeitdrucks ist es Andi wichtig, durch kleine Aktivitäten innerhalb des Teams den Solidaritätsgedanken und die Bindung zu festigen. Eine Schale Weihnachtskekse für alle oder ein kleines Dankeschön, vielleicht auch in Form eines Kärtchens am Kleiderschrank, zeigen die Wertschätzung der geleisteten Arbeit – gerade dann, wenn so viel anderes wichtig scheint und jeder in einer hoch emotionalen Stimmung ist.
Über die Autorin
Corinna Häsele ist Psychologin und Unternehmerin und verfügt über mehr als zwanzig Jahre Erfahrung im Medien-, Event- und Veranstaltungsbusiness. Seit 15 Jahren beschäftigt sie sich mit EMDR, „wingwave®“, Organisations- und Führungsthemen mit laufender Weiterbildung.
Ihr Unternehmen Better linked bietet die erste anonyme hochqualitative Plattform für aktives Stressmanagement im deutschsprachigen Raum. Nutzer:innen teilen und tauschen Erfahrungen, Fragen oder persönliche Erlebnisse zu Stress und lernen von Lösungen anderer Nutzer:innen.
