„Die Zukunft des Handels ist zu komplex, um sie allein zu gestalten“

Mit der “Future Retail Platform” schaffen der Handelsverband und Pioneers einen neuen Raum für Zusammenarbeit: Mittelständische Händler sollen Zukunftsthemen gemeinsam analysieren, Lösungen entwickeln und konkrete Pilotprojekte umsetzen. Im großen retail.at-Interview sprechen die drei Initiatoren Rainer Will, Norbert Scheele und Alex Neumayer über Innovationsdruck, die Lehren aus jahrzehntelanger Handelspraxis und die Frage, warum Kooperation zum Wettbewerbsvorteil wird.

Interview: Gerald Kühberger

HV-Geschäftsführer Rainer Will im Interview mit retail.at (Fotocredit: Selina Palla)

RETAIL: Rainer, der Handel ist seit jeher von Veränderung geprägt. Warum braucht es gerade jetzt eine “Future Retail Platform”?

Rainer Will: Weil sich die Geschwindigkeit und der Druck der Veränderungen massiv erhöht haben. Die Händler müssen ihre Kosten senken, unzählige regulatorische Vorgaben erfüllen, Personal finden, ihre Geschäftsmodelle digitalisieren und gleichzeitig auf völlig neue Technologien wie generative AI und Agentic Commerce reagieren. Große Konzerne können dafür eigene Teams aufbauen. Ein mittelständischer Händler muss diese Fragen mit wenigen Ressourcen neben dem operativen Tagesgeschäft lösen. Die “Future Retail Platform” setzt genau hier an: Wir bündeln Know-how, Ressourcen und Erfahrungen, damit nicht jedes Unternehmen das Rad allein neu erfinden muss.

RETAIL: Ist die Plattform also vor allem als Innovationsnetzwerk gedacht?

Will: Sie ist bewusst mehr als ein klassisches Netzwerk. Erfahrungsaustausch ist wichtig, aber er reicht nicht aus. Unser Anspruch ist, von konkreten Problemstellungen zu praxistauglichen Lösungen zu kommen. Wir wollen Zukunftsthemen identifizieren, priorisieren, Technologien und Anbieter evaluieren und in weiterer Folge auch Pilotprojekte ermöglichen. Am Ende muss für die teilnehmenden Händler ein greifbarer Nutzen stehen.

RETAIL: Norbert, du hast mehr als 40 Jahre für C&A gearbeitet und den Handel in vielen Ländern aus nächster Nähe erlebt. Was hat sich grundlegend verändert?

Norbert Scheele: Der Handel war immer dynamisch. Neu ist allerdings, dass heute sehr viele Entwicklungen parallel stattfinden und einander verstärken. Kundenbedürfnisse verändern sich, digitale und stationäre Vertriebskanäle verschmelzen, neue Wettbewerber aus Fernost treten in den Markt ein und leider nehmen auch regulatorische Anforderungen weiterhin zu statt ab. Gleichzeitig steigt der Kosten- und Margendruck. Das macht strategische Entscheidungen wesentlich komplexer.

RETAIL: Du warst bei C&A unter anderem für Österreich sowie Zentral- und Südosteuropa verantwortlich. Welche Lektion aus dieser Zeit bringst du in die Plattform ein?

Scheele: Dass gute Strategien nur dann etwas wert sind, wenn sie in der Organisation auch umgesetzt werden können. Im Handel kann man sehr viel Zeit in Konzepte investieren. Entscheidend ist aber, ob eine Lösung in der Filiale und letztlich beim Kunden funktioniert. Ich habe bei C&A den Aufbau neuer Märkte, Restrukturierungen und große Veränderungsprozesse begleitet. Dabei lernt man, wie wichtig klare Prioritäten, realistische Prozesse und die Einbindung der Mitarbeiter sind.

Die zweite Lektion lautet: Das Tagesgeschäft gewinnt fast immer gegen die Zukunftsthemen. Es gibt stets ein dringendes operatives Thema, eine neue Vorschrift oder ein unerwartetes Ereignis, um das man sich kümmern muss. Deshalb braucht Zukunftsarbeit einen verbindlichen Rahmen. Genau diesen wollen wir mit der “Future Retail Platform” schaffen.

HV-Vizepräsident Norbert Scheele ist Co-Initiator der “Future Retail Platform”
(Fotocredit: Leadersnet.at / D. Mikkelseen)

RETAIL: Alex, wie ist denn die Idee zur Future Retail Platform entstanden?

Alex Neumayer: Norbert Scheele und ich haben unabhängig voneinander immer wieder dieselbe Beobachtung gemacht: Viele Handelsunternehmen stehen vor sehr ähnlichen Herausforderungen, bearbeiten sie aber isoliert. Jedes Unternehmen recherchiert Technologien, sucht Anbieter, entwickelt Konzepte und macht dabei vergleichbare Lernschleifen. Für große Unternehmen ist das bereits aufwendig. Für mittelständische Händler ist es in der Regel kaum zu bewältigen.

Daraus entstand die Idee, diese Zukunftsarbeit zu bündeln. Aus ähnlichen Problemen können gemeinsame Projekte werden. Die Unternehmen teilen Aufwand und Erkenntnisse, behalten aber selbstverständlich ihre unternehmerische Eigenständigkeit.

RETAIL: Welche Rolle übernimmt Pioneers dabei?

Neumayer: Pioneers bringt die methodische Kompetenz und die Erfahrung aus zahlreichen Innovations- und Transformationsprojekten ein. Wir unterstützen Unternehmen bei der Entwicklung von Innovationsstrategien, beim Aufbau geeigneter Strukturen und Prozesse sowie bei der konkreten Umsetzung neuer Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Das Spektrum reicht von Innovation Strategy und Innovation Setup über Venture Building und Venture Clienting bis zur Zusammenarbeit mit Start-ups und Technologieanbietern.

Bei der “Future Retail Platform” strukturieren und moderieren wir den Prozess. Wir helfen dabei, Herausforderungen präzise zu formulieren, Themen zu priorisieren, Lösungsansätze zu entwickeln, Technologien zu evaluieren und fundierte Entscheidungsgrundlagen für das Management zu schaffen. Unser Ziel ist nicht der nächste schöne Workshop, sondern die möglichst effiziente Umsetzung.

RETAIL: Pioneers ist vielen noch als Bindeglied zur Startup-Szene bekannt. Wie hat sich das Unternehmen weiterentwickelt?

Neumayer: Sehr stark. Unsere Wurzeln im Startup-Ökosystem sind weiterhin ein wichtiger Faktor, weil wir Zugang zu neuen Technologien, Geschäftsmodellen und internationalen Lösungsanbietern haben. Heute ist Pioneers aber eine Strategie- und Innovationsberatung, die etablierte Unternehmen durch den gesamten Innovationsprozess begleitet – von der strategischen Orientierung über organisatorische Voraussetzungen bis zur Entwicklung und Skalierung konkreter Lösungen.

Wir verbinden dabei zwei Welten: die Struktur und Erfahrung etablierter Unternehmen mit der Geschwindigkeit und Experimentierfreude von Startups. Gerade für den Handel ist diese Kombination sehr wertvoll.

Vom JÖ Bonus Club zur Innovationsberatung

RETAIL: Du kennst den Handel ja nicht nur aus der Beraterperspektive. Welche Erfahrungen bringst du mit?

Neumayer: Ich beschäftige mich seit mehr als 25 Jahren mit Strategie, Innovation, Digitalisierung und Kundenbindung. Besonders prägende Stationen waren für mich LIBRO sowie die REWE Group, wo ich als Projektleiter maßgeblich am Aufbau des JÖ Bonus Clubs beteiligt war und danach dessen Innovations- und Digitalisierungsagenden verantwortet habe.

Der Aufbau eines Multipartnerprogramms dieser Größenordnung war eine enorme Transformationsaufgabe. Es ging nicht nur um eine Karte oder App, sondern um IT-Systeme, Daten, Prozesse, Partnerstrukturen, Payment, Datenschutz und vor allem um einen klaren Mehrwert für die Kundinnen und Kunden. Die wichtigste Erfahrung daraus: Innovation ist nie nur eine Technologiefrage. Sie muss ein relevantes Problem lösen, organisatorisch tragfähig und wirtschaftlich sinnvoll sein.

Pioneers-Partner Alex Neumayer, Co-Founder der “Future Retail Platform”, war im August zu Gast im HV-Podcast “Handelszone” bei Isabel Lamotte (Handelsverband).

RETAIL: Was können mittelständische Händler aus einem Großprojekt wie dem JÖ Bonus Club lernen?

Neumayer: Vor allem, konsequent vom Kundenbedürfnis auszugehen und trotzdem die operative Realität nicht zu unterschätzen. Eine Idee kann aus Kundensicht großartig sein, aber wenn sie an den bestehenden Systemen, Prozessen oder Ressourcen scheitert, wird sie keinen nachhaltigen Erfolg haben.

Mittelständische Unternehmen haben einen entscheidenden Vorteil: Sie können schneller entscheiden und umsetzen. Wenn sie ihre Kräfte bündeln und auf die richtigen Methoden sowie externes Know-how zurückgreifen, müssen sie keineswegs Innovationsnachzügler sein.

RETAIL: Verlieren die teilnehmenden Händler durch diese Offenheit nicht möglicherweise Wettbewerbsvorteile?

Rainer Will: Nein, es geht ja nicht darum, sensible Unternehmensdaten oder individuelle Geschäftsstrategien offenzulegen. Die “Future Retail Platform” bearbeitet Herausforderungen, die viele Händler gleichermaßen betreffen. Wenn zehn Unternehmen prüfen müssen, welche KI-Anwendung einen echten Mehrwert bringt oder welche Technologie einen Prozess effizienter macht, ist es volkswirtschaftlich wenig sinnvoll, zehnmal bei null zu beginnen.

Kooperation und Wettbewerb schließen einander nicht aus. Im Gegenteil, wer bei Grundlagen, Methoden und technologischer Evaluierung zusammenarbeitet, kann seine Ressourcen stärker auf die eigene Positionierung, seine Kunden und seine konkreten Stärken konzentrieren.

Norbert Scheele: Die Differenzierung findet weiterhin im Unternehmen statt, über Sortiment, Marke, Service, Standort, Preis und Kundenerlebnis. Aber nicht jede technische oder regulatorische Grundlagenfrage ist ein Geschäftsgeheimnis. In vielen Bereichen bringt uns Zusammenarbeit schneller und kostengünstiger ans Ziel.

Am Ende zählt die Umsetzung

RETAIL: Welche Themen werden in der “Future Retail Platform” behandelt?

Scheele: Das sollen die teilnehmenden Händler maßgeblich selbst bestimmen. Die Plattform wird nicht mit einem fixfertigen Themenkatalog über die Unternehmen gestülpt. Beim Executive Kick-off am 16. September erheben und priorisieren wir gemeinsam die wichtigsten Herausforderungen, Probleme und Chancen. Natürlich liegen Themen wie künstliche Intelligenz, Automatisierung, Loyalty, Omnichannel, Retail Media oder effizientere Geschäftsprozesse auf der Hand. Entscheidend ist aber, wo bei den Unternehmen der größte Handlungsdruck und der stärkste gemeinsame Hebel bestehen.

RETAIL: Ist KI derzeit das alles dominierende Thema?

Will: Klar, KI verändert den Handel fundamental, von Prognosen und Warenwirtschaft über Marketing und Kundenservice bis zum Einkauf durch digitale Agenten. Der Handel darf diese Entwicklung nicht unterschätzen. Gleichzeitig sollten wir nicht jedem Hype unkritisch folgen. Entscheidend ist, welche Anwendungen tatsächlich Kosten senken, Prozesse verbessern oder einen Mehrwert für die Kunden schaffen. Genau dafür braucht es strukturierte Evaluierung. Viele Händler werden täglich mit neuen KI-Lösungen konfrontiert. Die Frage ist nicht mehr, ob es interessante Tools gibt, sondern welche davon sicher, integrierbar, rechtskonform und wirtschaftlich sinnvoll sind.

Neumayer: Technologie ist immer ein Mittel zum Zweck. Wir beginnen daher nicht mit der Frage: Wo können wir KI einsetzen? Entscheidend ist für uns: Welches relevante Problem wollen wir lösen? Erst danach prüfen wir, ob KI, eine Prozessänderung, eine Kooperation oder eine ganz andere Lösung der beste Weg ist.

RETAIL: Wie wird die Zusammenarbeit innerhalb der Plattform konkret aussehen?

Neumayer: Der erste Schritt beim Kick-Off ist die gemeinsame Identifikation und Priorisierung der Themen. Danach werden die Fragestellungen in moderierten Formaten systematisch bearbeitet. Abhängig vom jeweiligen Thema können Markt- und Trendanalysen, Technologie-Scouting, Anbieterbewertungen, Konzeptentwicklung oder die Vorbereitung gemeinsamer Pilotprojekte folgen. Wichtig ist, dass die Ergebnisse als Entscheidungsgrundlage für die teilnehmenden Unternehmen dienen. Jeder Händler entscheidet selbst, welche Lösung er übernehmen, anpassen oder pilotieren möchte.

RETAIL: Wann wäre die “Future Retail Platform” für euch ein Erfolg?

Scheele: Wenn die Teilnehmer nach einem Jahr nicht nur sagen, dass sie interessante Gespräche geführt haben, sondern konkrete Lösungen in ihren Unternehmen anwenden. Das können neue Prozesse, getestete Technologien, strategische Entscheidungen oder gemeinsame Pilotprojekte sein. Am Ende zählt die Umsetzung.

Neumayer: Erfolg bedeutet für mich auch, wenn die Unternehmen Zukunftsarbeit stärker in ihrer Organisation verankern. Die Plattform soll nicht bloß einzelne Projekte hervorbringen, sondern die Fähigkeit stärken, Veränderungen früher zu erkennen und systematischer darauf zu reagieren.

Will: Ich wünsche mir, dass daraus eine starke Innovationsgemeinschaft des österreichischen Mittelstands entsteht. Unsere Händler verfügen über enorme Marktkenntnis, Kundennähe und unternehmerische Erfahrung. Wenn wir diese Stärken zusammenbringen, kann aus begrenzten Einzelressourcen eine beachtliche gemeinsame Innovationskraft entstehen.´

RETAIL: Danke für das Gespräch!

FUTURE RETAIL PLATFORM

Die Future Retail Platform ist eine gemeinsame Initiative von Pioneers und Handelsverband. Sie bietet österreichischen mittelständischen Handelsunternehmen einen strukturierten Rahmen, um relevante Zukunftsthemen zu identifizieren, Lösungen zu entwickeln, Technologien und Anbieter zu evaluieren sowie konkrete Pilotprojekte vorzubereiten.

Mehr Infos finden Sie HIER

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