Steigende Rohstoffpreise, Klimawandel, geopolitische Krisen und neue Regulierungen setzen den globalen Handel unter Druck. Fairtrade-Österreich-Geschäftsführer Hartwig Kirner erklärt, warum Kaffee und Kakao zuletzt massiv teurer wurden, weshalb Konsument:innen trotzdem weiter zu Fairtrade-Produkten greifen – und warum fehlende Rechtssicherheit bei neuen EU-Vorgaben zunehmend zum Problem wird.

Wie hat sich Fairtrade im letzten Jahr entwickelt?
Auch wenn die Zeiten insgesamt schon einmal lustiger waren: Aus Sicht von Fairtrade kann man sehr zufrieden sein. Der Umsatz von Fairtrade-Produkten ist in Österreich insgesamt um 12,7 % gewachsen. Da sind auch Preiseffekte dabei, aber in vielen wichtigen Bereichen wurden auch die Mengen gesteigert – etwa bei Bananen (+7 %) oder Kakaobohnen (+4 %).
Sie haben die Preisentwicklung schon angesprochen: Davon war vor allem Kaffee betroffen, einer Ihrer wichtigsten Bereiche.
Ja, vor allem bei Kaffee und Kakao gab es extreme Preissprünge. Das ist ein Vorgeschmack darauf, was uns der Klimawandel noch alles bescheren kann. Der Preis für einen Sack Kaffee mit 45 Kilogramm ist zeitweise von unter 170 Dollar auf rund 400 Dollar angestiegen. Jetzt liegen wir bei rund 300 Dollar – also immer noch auf relativ hohem Niveau. Bei Kakao ging es zeitweise sogar von rund 2.000 auf fast 12.000 Dollar pro Tonne hinauf. Zuletzt haben sich die Preise wieder etwas normalisiert, weil die aktuellen Ernten besser ausgefallen sind.
Kann man solchen extremen Preissprüngen etwas entgegensetzen?
Man muss die Farmen resilienter gegen den Klimawandel machen. Es braucht Sorten, die gegen temporäre Trockenheit besser gewappnet sind. Die gibt es bereits, aber dafür brauchen die Bauern Investitionskapital, um ihre Farmen zu erneuern. Gerade in so einer Phase ist Fairtrade deshalb umso wichtiger.
Man kann also versuchen, die Auswirkungen des Klimawandels durch robustere Pflanzen zu dämpfen. Aber wenn der Klimawandel weiter voranschreitet, werden auch Anbauflächen verschwinden. Das ist fix.
Factbox: FAIRTRADE Österreich 2025
* Gesamtumsatz: 796 Mio. Euro (+12,7 %)
* Pro-Kopf-Ausgaben in Österreich: 88 Euro
* Österreich zählt zu den Top-3-FAIRTRADE-Märkten weltweit
* Bekanntheit des FAIRTRADE-Siegels: 98 %
* Vertrauen in das Siegel: 87 %
Quelle: FAIRTRADE Österreich
Welche konkreten Auswirkungen hat Fairtrade in den Ursprungsländern?
Gerade bei Kakao sehen wir, wie wichtig stabile und faire Einkommen sind. Viele Bauernfamilien leben nach wie vor in großer Unsicherheit. Fairtrade sorgt nicht nur für Mindestpreise, sondern auch für zusätzliche Prämien, die etwa in Bildung, Infrastruktur oder die Anpassung an den Klimawandel investiert werden. Das hilft den Menschen vor Ort und macht die Landwirtschaft langfristig resilienter.
Und wie hat sich die Preisentwicklung im Geschäft von Fairtrade niedergeschlagen?
Die Preise von Fairtrade-Kaffee sind weniger stark gestiegen als jene von konventionellem Kaffee. Die Mengen sind dennoch leicht um 6 % zurückgegangen. Allgemein haben wir aber gesehen, dass die Kund:innen weiter kaufen – auch bei höheren Preisen.
Auch Bio-Produkte haben sich im Vorjahr gut entwickelt. Gönnen sich die Menschen wieder mehr?
Die Menschen geben die Themen Bio und Fairtrade jedenfalls nicht auf – im Gegenteil: Sie werden sogar wieder wichtiger. Meine Interpretation ist, dass man sich an die höheren Preise gewöhnt hat. In den Jahren 2023 und 2024, während der Hochinflation, hatten viele Menschen Angst, sich das Leben bald nicht mehr leisten zu können, und waren entsprechend vorsichtiger. Im letzten Jahr haben sie gemerkt, dass auch die Löhne gestiegen sind und sie es weiterhin schaffen, sich gewisse Dinge zu leisten. Auch wenn es natürlich leider noch immer viele gibt, die sehr sparsam sein müssen.
Wir haben es schon zu Beginn angesprochen: Die Zeiten bleiben schwierig. Stichwort Eskalation im Iran. Spüren Sie bereits Auswirkungen?
Unser größtes Problem ist, dass derzeit ein Drittel der weltweiten Düngemittelproduktion am Markt fehlt. Düngemittel werden knapp und teurer. Und die Energiepreise steigen. Beides tut den Bauern weh – vor allem im Transport. Auch Verpackungsmaterialien, vor allem Folien, werden wahnsinnig teuer. Wir werden sehen, was das für die Lebensmittelpreise bedeutet.
Womit rechnen Sie?
Ich rechne damit, dass sich das bald bemerkbar machen wird. Wir werden wohl noch heuer wieder Druck auf die Lebensmittelpreise bekommen. Das genaue Ausmaß hängt davon ab, wie lange dieses Desaster andauert. Ob und wo genau die fehlenden Düngemittel zu geringeren Ernten führen werden, ist derzeit noch schwer einzuschätzen.

Wie sehen Transportsituation und Produktverfügbarkeiten derzeit aus?
Unsere Produkte kommen großteils per Schiff aus Südamerika oder Afrika, nicht aus der Golfregion. Die Straße von Hormus ist für uns daher nicht das Hauptproblem. Die hohen Kerosinpreise treffen vor allem Produkte, die geflogen werden – bei uns sind das insbesondere Rosen. Da merken wir die Auswirkungen bereits. Aber die Unsicherheit insgesamt ist totales Gift.
Ein ganz anderes Thema, das die Branche massiv betrifft, sind Bürokratie und neue rechtliche Vorgaben.
Für uns ist die EmpCo-Richtlinie („Empowering Consumers“) ein großes Thema. Grundsätzlich begrüßen wir natürlich, dass sich Konsument:innen künftig darauf verlassen können, dass Umweltaussagen kein Schmäh sind. Unser Problem ist allerdings, dass noch immer nicht bekannt ist, wie Österreich diese Richtlinie umsetzen wird. Derzeit orientiert sich die gesamte österreichische Branche deshalb an der deutschen Benchmark – in der Hoffnung, dass Österreich diesem Beispiel folgt. Umso wichtiger wäre rasch Rechtssicherheit, damit Unternehmen wissen, welche Übergangsfristen etwa für Verpackungsmaterialien gelten.
Fairtrade zählt mittlerweile zu den bekanntesten Nachhaltigkeitssiegeln. Wie wichtig ist Vertrauen gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten?
Vertrauen wird immer wichtiger. 98 Prozent der Menschen in Österreich kennen das Fairtrade-Siegel, 87 Prozent vertrauen ihm. Gerade in unsicheren Zeiten suchen Konsument:innen Orientierung. Nachhaltigkeit ist für viele kein kurzfristiger Trend mehr, sondern ein Stabilitätsanker geworden.
