“Das Einstiegspreis-Segment boomt”

Sven Voth hat als Gründer von Snipes Retail-Geschichte geschrieben. Er war der erste, der aus einem Handelsunternehmen eine große Lifestyle-Marke mit Event-Charakter machte. Im ausführlichen Interview spricht er über das Erfolgsrezept von Snipes, seinen Weg als Person – und sein neues Retail-Format “Higgins”, das in Kürze startet.

Ein Outtake aus dem Covershooting für die nächste Print-Ausgabe unseres Magazins retail, in dem dieses Interview ebenfalls zu finden ist. (© Andreas Jakwerth)

Er brachte DJs in die Läden und punktete sogar in den USA – der Heimat der Streetwear – damit. Doch jetzt ist es Zeit für etwas Neues, und das startet in Österreich.  Mit uns sprach Sven Voth über Unternehmertum, Visionen und seine neuen Pläne im Einstiegspreis-Segment.

Wer noch mehr wissen will: Sven Voth ist übrigens auch Keynote-Speaker beim neuen Handelsflächenforum des Handelsverbands, das am 18. September im Wiener Reaktor erstmals über die Bühne gehen wird.

Was war deine Triebfeder für die Gründung von Snipes?

Sven Voth: Ich habe in meinem vorherigen Job bei International Sports zum ersten Mal amerikanische Ware verkauft. Auch das Segment Hip-Hop hat gerade gestartet, und ich habe dort die ersten Artikel gesehen. Aber ich war überzeugt, dass ich das allein besser – und durch meine Liebe zum Netzwerken – auch direkter kann. Ich wollte einen neuen Trend mitkreieren und den Einzelhandel verändern. Ich wollte ein Erlebnis bieten und einen Hangout-Space für junge Menschen schaffen. Es war völlig neu, dass Snipes auch zum Treffpunkt für Leute wurde, die letztendlich gar nichts gekauft haben. Man muss dabei bedenken: Konzepte für Shopping-Erlebnisse gab es damals noch nicht. Wir waren beispielsweise die ersten mit einem DJ im Laden. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Gab es einen Plan B für deine Karriere?

Eigentlich einen Plan A. Ich wollte Umwelttechnik studieren und Kläranlagen bauen. Aber ich hatte schon vor dem Abitur den Nebenjob bei International Sports. Irgendwann hat der Chef gefragt, warum ich studieren will. Ich habe ihm erklärt, dass ich ein Studium abschließen will, damit ich danach gutes Geld verdiene. Da hat er mir das Angebot gemacht, dass ich doch gleich bei ihm gutes Geld verdienen könnte. Ich bin geblieben. Und heute denke ich, dass ich mich mit Streetwear und Schuhen mehr identifizieren kann als mit Kläranlagen.

Hast du, als das Geschäft nicht auf der Stelle voll angelaufen ist, auch an Aufgeben gedacht?

Aufgeben ist keine Option. Aber man kommt ein Stück weit runter. Anfangs ist man ja ganz euphorisch. Ich bin vom Typ her so, dass ich immer nach einem Grund suche. Als es nicht gleich gelaufen ist, habe ich viele Bestellungen wieder storniert und anders geplant. Und ich habe den Austausch mit den Menschen gesucht, um zu wissen, was deren wirklicher Need ist. Dazu war ich permanent im Laden, habe zugesehen und mit den Leuten geredet. Damals kam man ja nur so an Informationen. Heute finde ich viel von den Befindlichkeiten der Kunden auf Social Media. Das gab es damals ja alles nicht.

Wann wusstest du, dass Snipes etwas Besonderes wird?

Eigentlich von Anfang an. Ich wusste, so etwas gab es noch nicht. Wir hatten plötzlich die Kids, die den 360-Grad-Austausch mit Snipes wollten. Da gab es dann ja auch Snipes Radio oder ein eigenes Magazin. Und wir haben jede Menge Events organisiert, unterstützt und gesponsert – Konzerte, BMX-WM, Dance Battles und vieles mehr. 2019 war unser Rekordjahr mit 288 Eventtagen. Wir haben den Einzelhandel durch Erlebnisse verändert und waren ein Anlaufpunkt für die Community.

Und wann wusstest du, dass es etwas ganz Großes wird?

Das war später, als wir mit Deichmann zusammengegangen sind. Dort haben wir eine enorme internationale Infrastruktur mit nutzen dürfen. Und plötzlich konnte ich in Bordeaux genauso einfach einen Laden eröffnen wir in Bremerhaven.  

Eine Frage, die dir in jedem Interview gestellt wird, ist die nach dem Besuch von Michael Jordan in Hamburg zur Eröffnung eines Snipes-Ladens. Was hat ihn daran interessiert?

Das Ganze wurde über sein Management organisiert. Es gab aber etwas Besonderes an dem Laden. Ich hatte für Nike ein Shop-in-Shop-Konzept für die bis dahin nur in den USA erhältlichen Lifestyle-Produkte von Jordan entwickeln dürfen. Michael Jordan konnte das bei seinem Besuch bei uns zum ersten Mal sehen. Das hat ihn wirklich interessiert.

Was ist dir, abgesehen vom Marketingauftritt, in Erinnerung geblieben?

Jordan galt als Botschafter des amerikanischen Volks. Da kam vorher wirklich die CIA und hat die Gullideckel verschweißt. Es gab drei verschiedene Anfahrtsrouten vom Flughafen. Wir hatten 60 Mann zusätzliche Security, und die Hamburger Polizei war mit einem Großaufgebot vertreten. Jordan war an dem Tag ja nicht der einzige Promi bei uns. Dass er kommen würde, hat viele deutsche Stars angezogen, die ihn auch sehen wollten. Der Besuch von Michael Jordan war damals wirklich DAS Thema in Hamburg.

Sven Voths neue Ladenkette in Österreich

Am 28. August 2025 eröffnet Sven Voth unter dem Namen Higgins an einem einzigen Tag bis zu zehn neue Läden in Österreich. Bei Redaktionsschluss waren schon die Standorte Wien Gatterederstraße, Wien Citygate, Wien humaeleven, Bruck an der Leitha in Niederösterreich und Eugendorf in Salzburg fixiert. Das Sortiment umfasst Schuhe, Fashion und Accessoires für die ganze Familie  zu erschwinglichen Preisen – herausragende Einkaufserlebnisse inklusive. Übrigens: Die Marketing-Abteilung von Higgins plant spektakuläre Eröffnungsaktionen, an denen gerade mit vollem Elan gearbeitet wird. 

Mehr Informationen: https://higgins-world.com/

Was würdest du einem Jungunternehmer, der einen Flaschengeist hat, raten. Welche drei Wünsche sollte er sich erfüllen lassen?

Ich meine, er braucht keine DREI Wünsche. Wenn man EINEN Wunsch erfüllt bekommt, kriegt man das Ergebnis. Wichtig ist aber der Weg dahin. Das habe ich gelernt. Mein Weg, meine Erfahrungen und die Herausforderungen haben es mir erst ermöglicht, zum Generalisten zu werden. Man muss die Growing Pains mitnehmen und daraus lernen. Ich persönlich habe am meisten in Krisen gelernt. Und davon gab es in der Geschichte von Snipes genug: 9/11, Lehmann und die Pandemie, um die größten zu nennen. In dieser Zeit ist rechts und links von uns kaum jemand übriggeblieben. Und wir haben es geschafft. Wenn man alles geschenkt bekommt, fehlt einem der Weg dorthin.

Wie hat die Entwicklung von Snipes dich als Person verändert?

Wie jeder junge Mensch Anfang zwanzig willst du erst einmal Geld verdienen. Wenn du ein paar Jahre später mit CEOs von globalen Konzernen oder weltbekannten Sportlern oder Künstlern am Tisch sitzt, wird Einflussnahme bedeutend. Danach wirst du dir deiner sozialen Verantwortung bewusst und es macht dich zufrieden, wenn du etwas zurückgeben kannst. Wenn du dann realisierst, dass dein Business noch größer werden kann, kommen die Visionen hinzu. Ich habe schon seit 2013 jede Präsentation mit einem gefakten Bild einer Snipes Filiale am Times Square beendet. Alle haben mich damals für verrückt erklärt, dass ich Streetwear nach Amerika bringen wollte. Am Ende hatten wir allein 54 Stores in NYC und insgesamt mehr als 350 in den USA. Auf jeden Fall wurde ich im Lauf der Jahre immer ruhiger und gelassener. Mit einem großen Unternehmen kommen große Probleme. Und plötzlich werden Alltagsprobleme sehr klein.

Du bist von Köln nach Wien gezogen. Du hättest überall neu starten können. Warum Wien?

Das hat mehrere Gründe. Einerseits ist meine Frau Halbösterreicherin. Dadurch kenne ich das Land bereits gut. Außerdem habe ich hier 28 Snipes-Stores eröffnet und bin mit dem Umfeld sehr vertraut. Darüber hinaus ist die Lage auch international gesehen ideal: Wien ist der Osten des Westens und der Westen des Ostens. Persönlich mag ich das Metropolenfeeling in Wien. Das bin ich nicht gewöhnt. Die Snipes-Zentralen waren bisher immer in Industriegebieten. Jetzt sind wir mitten in der Innenstadt und genießen die kurzen Wege.

Warum gehst du in deinen neuen Projekten in die Einstiegspreis-Kategorie?

Ich sehe mir den Wandel in der Einkommenspyramide an und habe auch mein eigenes Empfinden. Mir geht es finanziell natürlich sehr gut. Aber auch ich finde, dass bei den aktuellen Preisen das Leistungsgefühl stark gestört wird. Vieles ist so teuer, dass sich das kaum jemand mehr leisten kann. Das spürt auch das Mittelpreissegment im Handel. Viele bewährte Marken verlieren Umsatz. Aber die Einstiegspreissegmente wie Action oder New Yorker boomen enorm. In diesem erschwinglichem Preisbereich verkauft das Produkt – kostengünstig und qualitativ in Ordnung – , aber ohne Shopping-Erlebnis. Bei Higgins wollen wir es eben genau anders machen und den Kunden auch durch die verschiedensten Events ein entsprechendes Erlebnis bieten.

Was wirst du mit deinen neuen Läden anders machen?

Wir wollen, dass die Menschen für ihr Geld wieder mehr geboten bekommen und dabei nicht auf Qualität oder Style verzichten müssen. Zudem wird es regelmäßige Aktionstage geben, an denen die Kunden beispielsweise Live-Shows mit Monstertrucks oder MMA-Kämpfern auf dem Parkplatz vor der Filiale erleben können. Woanders gibt es dann z. B. in einem Foodtruck gratis Hot Dogs gegen Vorlage des Kassabons oder Strongman-Action mit einem der stärksten Männer Österreichs. Wir haben unendlich viele Ideen und wollen zeigen, dass es auch Spaß machen kann, wenn man smart shoppt.

Apropos Amerika: Welche Auswirkungen wird die US-Politik auf den Handel haben?

Für uns sind die Auswirkungen noch eher gering. Aber die großen Marken werden das schon spüren. Sie stellen schließlich alle in China her. Was da auf uns zukommt, werden wir erst in der Zukunft sehen. Ich für meinen Teil bin gerade sehr froh, keinen Laden in den USA zu haben.

Dann wünschen wir dir viel Erfolg in Österreich und bedanken uns für das Gespräch!

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