Alter Branchenriese lernt neue Online-Tricks

Portrait. In nur 57 Jahren hat sich Walmart von einem einzelnen Billigladen in Arkansas zum umsatzstärksten Unternehmen der Welt entwickelt. Jetzt gerät der Supermarkt-Gigant ausgerechnet wegen einer relativ jungen Branche unter Druck – dem Online-Handel.

Umfallende Pyramiden aus Klopapier, Amok laufende Shopper und völlig überforderte Filialmitarbeiter –
die TV-Serie „Superstore“ portraitiert den ganz normalen Wahnsinn des amerikanischen Einzelhandels. Seit 2015 läuft die Show, die sich vom Treiben in den riesigen Verkaufshallen von Mega-Ketten wie Walmart, Target oder Big Lots inspirieren ließ, auf dem Sender NBC. Auf den ersten Blick ein recht sperriges Show-Konzept, denn wie interessant kann das Bestücken von Regalreihen für den actiongewohnten TV-Konsumenten schon sein? Doch
die Amerikaner lieben ihre Megastores mit ihren für Europäer ungewohnten Dimensionen und enormen Sortimenten. Auch die Öffnungszeiten rund um die Uhr fühlen sich für uns fremd an und sorgen dafür, dass die Geschäfte einen eigenartigen Mikrokosmos darstellen – ausreichend gefüllt mit Waren aller Art und menschlichem Drama, mehr als genug, um eine TV-Serie daraus zu machen. Das funktioniert nur, weil die „Superstores“ im amerikanischen Alltag omnipräsent sind. Zu verdanken haben die US-Bürger das vor allem einem Unternehmen: Walmart. Mit 4.756 Märkten in den USA (Stand Jänner 2019) dominiert der Einzelhandelsgigant den amerikanischen Markt, besonders in der östlichen Hälfte des Landes ist die Konzentration an Filialen hoch. Mit den uslandsbeteiligungen in 27 Ländern weltweit schafft es Walmart sogar auf 11.348 Geschäfte, 2018 hat es damit für den Spitzenplatz in der Fortune Global 500-Liste gereicht: Walmart wird dort mit über 500 Milliarden Dollar Umsatz als größtes Unternehmen der Welt geführt.

Gleichzeitig darf sich Walmart auch als größter Arbeitgeber der Welt rühmen, 2,2 Millionen Mitarbeiter stehen im Sold des US-Unternehmens mit Sitz in Bentonville, Arkansas. Der Bundesstaat ist gleichsam die Wiege des Konzerns, für den der Einzelhandelskaufmann Sam Walton am 2. Juli 1962 den Grundstein gelegt hat. „Waltons Mart“ wurde schnell mit Walmart abgekürzt, danach folgte eine rasante Wachstumsphase dank der konsequent durchgezogenen Discount-Strategie. Die verfolgten andere zwar schon in den Großstädten, Walton eroberte aber die Provinz, wo es keine Konkurrenz zu befürchten gab. In nur sieben Jahren eröffnete Walton 17 weitere Walmarts, alle in Kleinstädten. 1990 schaffte es sein Unternehmen erstmals,
zum umsatzstärksten Einzelhändler der USA zu werden. Das ging freilich nicht ohne gewisse Opfer: Eines davon war die „American Hometown“, die Walmart-Kritiker deshalb zerstört sahen, weil die Geschäfte in der Peripherie die Innenstädte veröden ließen und das Leben der Städte in die großen Einkaufskomplexe verlagerten. Die
größten Opfer aber erbrachten die Mitarbeiter, die im Schnitt nur zwei Drittel des Lohnes von gewerkschaftlich organisierten Kollegen bei anderen Supermärkten verdienen. Gegen Gewerkschaften ist Walmart seit jeher streng vorgegangen – in Kanada wurde eine Filiale gleich einmal geschlossen, weil die Angestellten dort versuchten, sich zu organisieren. Zu den harten Arbeitsbedingungen kommt dazu, dass Walmart seinen Angestellten keine Krankenvorsorge ermöglicht.

Niedrige Preise (und Löhne) haben Walmart zum
größten Einzelhändler der Welt werden lassen.
Bild: Adobe Stock

Extrem hohe Fluktuation

70 Prozent der Angestellten verlassen das Unternehmen schon im ersten Jahr. Kein Wunder, dass sich Walmart nach
verlässlicheren Arbeitskräften umsieht. Viele Zeichen deuten darauf hin, dass es kein menschlicher Ersatz sein wird. Den Anfang machen 1.500 autonome Reinigungsmaschinen, die durch die Gänge von amerikanischen Walmarts fegen. Weitere 300 Regalscanner werden getestet, die selbstständig die Bestückung kontrollieren und melden, wenn Nachschub benötigt wird. Außerdem schafft das Unternehmen 1.200 Laderoboter an, die Waren automatisch registrieren und von LKWs abladen können. 600 spezielle Förderbänder sollen zudem in der Lage sein, Warenlieferungen automatisch zu sortieren. Getestet werden die Technologien schon seit 2017, jetzt beginnt die erste große Pilotphase.

Die Neuerungen sind Teil eines Investitionsprogramms, für das Walmart zehn Milliarden Doller in die Hand nimmt, um seine amerikanischen Supermärkte zu modernisieren. Geht das Konzept auf, wird sich in der Beschäftigungspolitik des Riesen einiges ändern. Weniger menschliche Mitarbeiter wird es in Summe aber dennoch nicht geben: Die Kapazitäten, die durch Roboter frei werden, will Walmart in sein stetig wachsendes Online-Geschäft umschichten. Aufrüsten ist vielleicht die bessere Formulierung. Denn Walmart sieht sich seit Kurzem einem mächtigen Konkurrenten gegenüber – nämlich dem Online-Giganten Amazon, der 2017 mit der Übernahme von Wholefoods spektakulär in den Lebensmitteleinzel-handel eingestiegen ist. Auf den ersten Blick scheint das keine Gefahr für den alten Hasen aus Arkansas zu bedeuten, schließlich bedient Wholefoods mit seinen Biosortimenten und Hochpreispro-dukten eine ganz andere, urbanere und wesentlich zahlungskräftigere Zielgruppe als Walmart. Aber seitdem Amazon mehr Hunger auf das Lebensmittelgeschäft verspürt und daher die Preise in den Wholefood-Märkten senkt, steigt die Ner-vosität bei Walmart. Vor allem deshalb, weil Amazon seine Vormachtstellung im Online-Geschäft geschickt nutzt, um daraus Vorteile im stationären Handel zu generieren: Amazon-Prime-Abonnenten erhalten etwa massive Preisnachlässe von bis zu 50 Prozent auf bestimmte Produkte bei Wholefoods.

Walmart überholt Apple
Walmart-Konzernchef Doug McMillon reichte das als Weckruf, um das Ge-schäftsmodell in den USA einer Radikal-kur zu unterziehen. Man wolle nun zum Technologieunternehmen werden, nur noch als größte Supermarktkette der Welt zu firmieren, reiche nicht mehr. McMillon möchte den Strukturwandel der Branche vorantreiben anstatt ständig hinterherlaufen zu müssen. Erste Zeichen hat der Unternehmensvorstand bereits gesetzt: So hat er sich von außen einen Experten für die E-Commerce-Sparte zur Seite geholt und Walmarts Online-Auftritt modernisiert.
Die Bemühungen tragen bereits erste Früchte, für das Geschäftsjahr 2018/19 kann McMillon in den USA auf eine Steigerung des Online-Umsatzes von 40 Prozent verweisen. Damit überholt Walmart die Technologieschmiede Apple und besetzt so den zweiten Platz hinter Amazon, das mit Abstand das größte Volumen im Online-Geschäft für sich beansprucht. Die Übermacht Amazons in diesem Feld scheint unüberwindbar: 65 Milliarden Dollar betrug der Online-Umsatz im Jahr 2018, Walmart schaffte im selben Zeitraum gerade einmal 16 Milliarden Dollar Umsatz
mit seinem Internetgeschäft. Es gibt also noch einiges aufzuholen. Versuchen will Walmart das mit dem Zukauf innovativer Start-ups, die im digitalisierten Handel flinker agieren können als der alte Riese – und neue Ideen einbringen. Wie etwa „Jetblack“ aus New York. Das Unternehmen bietet einen persönlichen Einkaufsservice an, der den Kunden das Shoppen einfacher gestalten soll. Dasselbe Ziel wird mit „Click & Connect“ verfolgt, einem Konzept, das die ungeheure Fillialdichte Walmarts zum Vorteil nutzen will: Online shoppen, aber die Produkte selbst vor Ort abholen. Nachdem 90 Prozent der Amerikaner innerhalb von nur zehn Meilen zum nächsten Walmart leben, könnte das der nächste Renner werden. ▪

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