Arbeit wird teurer – wo bleibt der Produktivitätsschub?

Österreich zählt zu den Ländern mit den höchsten Arbeitskosten in Europa. Gleichzeitig ist die Produktivität zuletzt gesunken und die Lohnstückkosten sind stärker gestiegen als in vielen anderen Ländern des Euroraums. Eine neue Studie aus Deutschland und aktuelle österreichische Daten zeigen: Für die Wettbewerbsfähigkeit wird entscheidend sein, ob Digitalisierung, Automatisierung und KI einen neuen Produktivitätsschub auslösen können. Auch für den Handel ist das eine Schlüsselfrage.


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Die Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs kreist häufig um Löhne, Lohnnebenkosten, Energiepreise oder Bürokratie. Ein Faktor erhält dagegen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit: die Produktivität.

Dabei entscheidet letztlich nicht allein darüber, wie viel eine Arbeitsstunde kostet, sondern auch darüber, welche Wertschöpfung in dieser Stunde entsteht.

Wie angespannt dieses Verhältnis zuletzt geworden ist, zeigt der aktuelle IMK-Report „Produktivitäts- und Arbeitskostenentwicklung 2025“. Die Studie des deutschen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung konzentriert sich zwar auf Deutschland, vergleicht dessen Entwicklung aber systematisch mit sechs weiteren wichtigen Volkswirtschaften des Euroraums – darunter Österreich.

Österreich bei Arbeitskosten auf EU-Rang 5

2025 kostete eine Arbeitsstunde in der österreichischen Privatwirtschaft laut IMK durchschnittlich 46,30 Euro. Österreich lag damit auf Platz fünf der EU und knapp vor Deutschland mit 45,70 Euro. Der Anstieg der Arbeitskosten betrug hierzulande im Vorjahr +4,5 %, womit sich der Abstand zu Deutschland, wo die Arbeitskosten „nur“ um 3,4 % wuchsen, weiter vergrößerte.

RangLandAK/StundeVerändg. zu VJ
1Luxemburg56,203,0 %
2Dänemark53,302,6 %
3Belgien49,703,6 %
4Schweden46,607,2 %
5Österreich46,304,5 %
   
7Deutschland45,703,4 %
Schnitt Euroraum38,603,8 %
Schnitt EU2734,704,3 %
   
26Rumänien13,4010,6 %
27Bulgarien11,8013,1  %

Noch deutlicher fiel der Anstieg bei den Lohnstückkosten aus – also dem Verhältnis zwischen Arbeitskosten und Arbeitsproduktivität: Zwischen 2020 und 2025 stiegen die Lohnstückkosten in Österreich laut IMK um durchschnittlich 4,6 % pro Jahr. Das war der höchste Wert der untersuchten Länder. Deutschland kam auf 4,0 %, der Euroraum insgesamt auf 3,4 % pro Jahr.

In den wirtschaftlich besonders schwierigen Jahren 2023 bis 2025 öffnete sich die Schere noch weiter: In Österreich erhöhten sich die Lohnstückkosten durchschnittlich um 6,4 % jährlich, in Deutschland um 5,9 % und im Euroraum um 4,5 %.

Arbeitskosten und Produktivität liefen zuletzt also zunehmend auseinander.

Bis 2016 blieb die Entwicklung bei den Lohnstückkosten in Österreich unterhalb der Entwicklung des Euroraums, doch in den letzten Jahren kehrte sich dieser Trend deutlich um: Seit 2019 stiegen die Lohnstückkosten hierzulande um mehr als 30 %.

Österreichs Produktivität ist zuletzt gesunken

Dass es sich dabei nicht bloß um einen Befund aus einer deutschen Studie handelt, zeigt der Produktivitätsbericht 2025 des österreichischen Produktivitätsrates. Demnach sank die österreichische Arbeitsproduktivität in den Jahren 2023 und 2024 im Durchschnitt um 1,1 % pro Jahr, während sie in der EU leicht zunahm. Neben der Industrie und dem Bau gehörten ausgerechnet Handel, Verkehr, Beherbergung und Gastronomie zu jenen Dienstleistungsbereichen, die wesentlich zum Rückgang beitrugen.

Im Vergleich zum EU-Schnitt ist die Arbeitsproduktivität in Österreich zuletzt deutlich gesunken. Grafik © Produktivitätsrat

Der Grund für den Rückgang: Österreich befand sich in dieser Zeit in einer Rezession. Unternehmen hielten trotz sinkender Produktion teilweise ihre Beschäftigten. Dadurch sank rechnerisch die Produktivität je Beschäftigtem oder Arbeitsstunde.

Weniger Arbeitszeit verschärft die Herausforderung

Hinzu kommt eine zweite Entwicklung: Zwischen 2019 und 2025 sank die durchschnittliche Arbeitszeit je Erwerbstätigen in Österreich laut IMK um 0,7 % pro Jahr. Unter den untersuchten Ländern war das der stärkste Rückgang. In Deutschland und Spanien waren es jeweils -0,5 %.

Nirgendwo sonst ging die Zahl der Arbeitsstunden pro erwerbstätiger Person so stark zurück wie in Österreich.

Gleichzeitig entwickelte sich auch die Beschäftigung zuletzt schwach. Zwischen 2022 und 2025 wuchs die Zahl der Erwerbstätigen in Österreich durchschnittlich lediglich um 0,3 % jährlich – gemeinsam mit Deutschland der niedrigste Wert der untersuchten Länder. Im Euroraum waren es +1,1 % pro Jahr.

Die Herausforderung wird damit größer: Wenn dem Arbeitsmarkt aufgrund von Demografie und sinkender durchschnittlicher Arbeitszeit weniger Arbeitsvolumen zur Verfügung steht, muss ein größerer Teil des Wirtschaftswachstums aus höherer Wertschöpfung je Arbeitsstunde kommen. Produktivität wird damit zunehmend auch zu einer Antwort auf den Arbeitskräftemangel.

Europa fällt gegenüber den USA zurück

Die österreichische Entwicklung ist dabei nur ein Teil eines größeren europäischen Problems.

Die IMK-Studie untersucht ausführlich die Produktivitätslücke zwischen Europa und den USA. Die Vereinigten Staaten erzielten in allen untersuchten Perioden sowohl beim Wachstum der Arbeitsproduktivität als auch bei der sogenannten Totalen Faktorproduktivität höhere Werte. Seit 2020 hat sich das amerikanische Produktivitätswachstum weiter beschleunigt.

Ein beträchtlicher Teil des amerikanischen Produktivitätsvorsprungs entsteht in IKT-intensiven Branchen. Die IMK-Autor:innen sehen denn auch unzureichende Investitionen in digitale und innovative Technologien als einen Faktor für Europas schwächere Entwicklung.

Die Analyse des österreichischen Produktivitätsrat bestätigt dies und zeigt, dass Österreich bei der Produktivität teilweise den USA noch stärker hinterherhinkt als die EU insgesamt.

Der Handel steht mitten in der Produktivitätsfrage

Gerade im Handel entscheidet sich Produktivität längst nicht mehr ausschließlich an der Kassa oder im Lager. Automatisierte Warenwirtschaft, intelligente Disposition und Bestandsoptimierung, digitale Preisauszeichnung, Self-Checkout, automatisierte Logistik, KI-gestützte Nachfrageprognosen oder die Automatisierung administrativer Prozesse können dazu beitragen, mit der vorhandenen Arbeitszeit mehr Wertschöpfung zu erzielen.

Produktivität bedeutet dabei nicht zwangsläufig Personalabbau. Sie kann ebenso bedeuten, knappe Mitarbeiter:innen von repetitiven Tätigkeiten zu entlasten und ihre Arbeitszeit stärker dort einzusetzen, wo menschliche Arbeit einen höheren Mehrwert schafft – etwa in Beratung und Kundenservice.

KI könnte Teil der Antwort sein

Insbesondere die Einführung künstlicher Intelligenz könnte jedoch nun zu einem deutlichen Produktivitätsschub führen: Nach den jüngsten Zahlen von Statistik Austria nutzten 2025 bereits 30 % der österreichischen Unternehmen ab zehn Beschäftigten KI-Technologien. 2024 waren es erst 20 %. Cloud Services wurden von 52 % der Unternehmen genutzt, Data Analytics von 26 %.

Österreich befindet sich beim KI-Einsatz damit inzwischen im europäischen Spitzenfeld. Entscheidend wird allerdings sein, ob aus der raschen Verbreitung der Technologie auch tatsächlich höhere Produktivität entsteht.

Österreich ist ein Hochlohnland. Daran wird sich auch mit der angekündigten zarten Lohnnebenkostensenkung nichts ändern. Ein Hochlohnstandort kann dauerhaft nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn hohe Arbeitskosten durch entsprechend hohe Produktivität getragen werden.

Genau deshalb dürfte die entscheidende Standortfrage der kommenden Jahre weniger lauten, wie Österreich Arbeit billiger machen kann, sondern vielmehr: Wie schaffen wir es, jede verfügbare Arbeitsstunde produktiver zu machen? Für den Handel führt dabei kaum ein Weg an Digitalisierung, Automatisierung, besseren Prozessen und dem produktiven Einsatz künstlicher Intelligenz vorbei. Die Technologie ist zunehmend vorhanden. Die eigentliche Aufgabe beginnt jetzt: aus ihr messbare Produktivität zu machen.

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