EU-Zollreform und Paketsteuer: Was die neuen Regeln für den österreichischen Handel wirklich bedeuten

Zwei Regelwerke fallen ab Mitte 2026 zusammen: die EU-Zollreform und die österreichische Paketsteuer. Beide verfolgen das gleiche Ziel: den europäischen Handel zu schützen und Mehreinnahmen zu generieren. Aber sie tun es auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Nebenwirkungen, erklärt Logistik-Experte Martin Füll in einem Gastbeitrag.

Bei einer durchschnittlichen Bestellung aus Fernost können sich die Kosten für einen österreichischen Konsumenten durch die neuen Steuern und Gebühren schnell verdoppeln. © Adobe

1. Die beiden Maßnahmen im Überblick

Zwei Regelwerke fallen ab Mitte 2026 zusammen: die EU-Zollreform und die österreichische Paketsteuer. Beide verfolgen das gleiche Ziel – den europäischen Handel zu schützen und Mehreinnahmen zu generieren –, aber sie tun es auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Nebenwirkungen.

1.1 Die EU-Zollreform ab 1. Juli 2026

Am 1. Juli 2026 tritt die größte EU-Zollreform für den E‑Commerce in Kraft. Die zentralen Änderungen:

  • Abschaffung der 150-Euro-Zollfreigrenze – jahrzehntelang konnten Waren aus Drittstaaten unter diesem Wert zollfrei in die EU gelangen.
  • Einführung eines pauschalen EU-Zolls von 3 € pro Warenkategorie für importierte Kleinsendungen mit einem Wert unter 150 €. Das bedeutet: Drei USB-Kabel (gleiche Warenkategorie) kosten 3 €, ein USB-Kabel und ein T‑Shirt (zwei verschiedene Kategorien) kosten 6 €.
  • Zusätzliche EU‑Bearbeitungsgebühr von 2 € pro Paket – ab November 2026, als Kostenersatz für den Aufwand beim Verzollen.
  • Mehr und bessere Daten: Die Zollreform schraubt massiv an den Datenanforderungen. Für jede Sendung müssen künftig Produkt‑IDs und Angaben zur Warenherkunft übermittelt werden. Ziel ist es, Betrug zu bekämpfen und die Produktsicherheit zu erhöhen.
  • Neue Haftungsregelungen: Bisher galt der Konsument als Importeur und damit als Zollschuldner. Mit der Reform wird der IOSS‑Händler oder die Plattform zum primären Zollschuldner und Deklaranten. Das bedeutet: Wer über IOSS verkauft, ist ab 1. Juli 2026 selbst verantwortlich für die korrekte Verzollung, die Zahlung der 3 € pro Warenkategorie und die Übermittlung aller erforderlichen Daten. Fehler oder falsche Angaben können zu Nachzahlungen, Strafen und Haftungsansprüchen führen.

93 Prozent der 5,9 Milliarden Pakete unter 150 € Warenwert, die 2025 die EU erreichten, wurden über das Import One‑Stop Shop (IOSS) abgewickelt. IOSS ist ein Verfahren, bei dem die Mehrwertsteuer bereits beim Kauf eingezogen wird; die Sendung muss bei der Einfuhr nicht mehr gesondert versteuert werden. Der Händler registriert sich in einem einzigen EU‑Mitgliedstaat, reicht eine monatliche VAT‑Erklärung für alle 27 Mitgliedstaaten ein und vermeidet so bis zu 27 verschiedene Steuerregistrierungen.

Dieses Verfahren – in Kombination mit der seit 2021 optimierten Verzollung für zollfreie Waren unter 150 € – hat den E‑Commerce‑Boom ausgelöst. Die Menge der Kleinsendungen hat sich seit 2021 vervielfacht, und der Import konzentriert sich auf wenige Mega‑Hubs wie Lüttich (Belgien), Budapest (Ungarn) oder Amsterdam (Niederlande). Genau diese Sendungen sind nun von der 3‑€‑Abgabe pro Warenkategorie betroffen. Nur zum Vergleich: In Österreich wurden ca. 7 Millionen solcher Pakete importiert, in Budapest 700 Millionen – darunter viele Pakete für österreichische Empfänger.

Die Reform schafft auch Probleme bei Waren aus Ländern, mit denen die EU Freihandelsabkommen hat. Denn die 3‑€‑Pauschale gilt auch für IOSS‑Sendungen aus diesen Ländern – obwohl diese Waren eigentlich zollfrei oder mit ermäßigten Zöllen belegt sein sollten. Ob das rechtlich hält, ist in Expertenkreisen umstritten. Für Händler bedeutet das: Sie zahlen 3 € pro Warenkategorie, auch wenn ihr Produkt aus einem Land mit Freihandelsabkommen kommt.

1.2 Die österreichische Paketsteuer

Parallel zur EU‑Zollreform hat die österreichische Regierung eine nationale Paketsteuer im Rahmen des Budgetbegleitgesetzes 2027–2028 auf den Weg gebracht. Das klare Ziel: die Kosten für die Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel zu decken. Es überrascht also nicht, dass die Ausgestaltung der Paketsteuer eher unterdurchschnittlich ausgefallen ist. Österreich steht damit recht allein da – nur Rumänien hat aus ähnlichen Gründen eine solche Steuer in Kraft gesetzt.

Die zentralen Elemente des Entwurfs:

  • Steuerhöhe: 2 € pro zugestelltem Paket (wahlweise pro Bestellung)
  • Steuerpflichtig: Versandhändler mit Versandhandelsumsätzen im Inland von über 100 Mio. Euro im vorangegangenen Wirtschaftsjahr
  • Plattformfiktion: Umsätze, die über eine Plattform erzielt werden, werden der Plattform zugerechnet – damit können auch Marktplätze wie Temu, Amazon oder Zalando in die Steuerpflicht geraten
  • Steuerentstehung: Bereits mit Annahme der Zahlung, nicht bei Zustellung

Die Paketsteuer sollte eigentlich chinesische Billigimporte treffen. Weil sie aber an der Zustellung im Inland und nicht an der Einfuhr anknüpft, erfasst sie auch österreichische und EU‑Händler, die über Marktplätze verkaufen. Die politische Debatte war stark von Plattformen wie Temu, Shein oder AliExpress geprägt – der Gesetzesentwurf trifft jedoch ein deutlich breiteres Spektrum. Auch hier gilt – noch stärker als bei der EU‑Zollreform – es gibt erhebliche Zweifel, ob die Regelung rechtlich hält. Das ändert aber nichts daran, dass sie vorerst in Kraft treten wird und Einnahmen für das österreichische Budget generieren wird.

1.3 Wie die Maßnahmen zusammenspielen

Für eine typische China‑Sendung unter 150 € können ab November 2026 folgende Kosten anfallen:

KostenbestandteilBetragBemerkung
Zoll (EU)3 € pro WarenkategorieFür alle Pakete, die in die EU importiert werden, abhängig von den Waren im Paket
Handling Fee (EU)ca. 2 € pro PaketFür alle Pakete, die in die EU importiert werden
Paketsteuer (AT)2 € pro PaketFür alle Pakete, die in Österreich zugestellt werden, wenn Händler > 100 Mio. € Umsatz

Beispiel: Eine Sendung mit zwei verschiedenen Warenkategorien (z. B. USB‑Kabel und T‑Shirt) nach Österreich könnte mit 3 € + 3 € + 2 € + 2 € = 10 € zusätzlichen Abgaben belastet werden.

Laut einem Bericht der EU-Kommission liegt der durchschnittliche Wert einer Bestellung unterhalb der 150-Euro-Zollfreigrenze heute im Schnitt bei weniger als 9 Euro. Wenn man dies einer zusätzlichen Abgabenbelastung in Höhe von 10 Euro gegenüberstellt, würde das bedeuten, dass sich die Kosten für eine durchschnittliche Bestellung künftig somit mehr als verdoppeln.

2. Die Folgen

2.1 Qualität und Sicherheit der Importe steigen

Die verschärften Datenanforderungen – Produkt‑IDs, Herkunftsangaben, erweiterte Zollanmeldungen – führen zu mehr Transparenz. Produkte, die nicht den EU‑Sicherheitsstandards entsprechen, werden leichter identifiziert. Gefälschte Waren lassen sich besser zurückverfolgen. Die Reform ist datentechnisch durchdacht – sie schafft die Voraussetzungen für bessere Kontrollen.

Gerade die chinesischen Plattformen haben die IT‑Systeme, um diese Daten zu liefern. Sie haben bereits heute standardisierte Produktdatenbanken, die alle erforderlichen Identifikatoren enthalten – und sie können diese Daten in Echtzeit an Zollsysteme übermitteln. Die neue Datenpflicht wird für chinesische Player also keine Hürde sein – im Gegenteil: Sie können ihre technologische Überlegenheit hier ausspielen.

Damit sind aber zwei Probleme verbunden:

  • Die Zollreform führt zu einer Explosion der Datenmengen – jede Sendung liefert Dutzende neuer Datenpunkte. Diese Daten müssen analysiert, bewertet und in Kontrollentscheidungen umgesetzt werden. Es gibt aber oft derzeit niemanden, der diese Daten wirklich gut analysieren könnte. Die Situation soll sich erst Mitte 2028 verbessern, wenn der EU Customs Data Hub der neuen EU‑Zollbehörde hoffentlich in Betrieb geht.
  • Noch relevanter: Die nationalen Zollbehörden haben immer noch zu wenige Kontrollressourcen – Personalmangel, veraltete IT‑Systeme, keine ausreichende Datenanalytik‑Kompetenz und Kontrollmodelle aus dem vergangenen Jahrhundert. Die Daten geben Hinweise, aber den Zollbehörden fehlt es immer noch an Mitteln, den Hinweisen nachzugehen und zu prüfen, was wirklich im Paket liegt.

2.2 Importe aus Drittstaaten werden teurer – aber bleiben oft wettbewerbsfähig

Die große Masse der China‑Sendungen – jene, die über IOSS abgewickelt werden – wird teurer. Die 3 € Zoll pro Warenkategorie und die Handling Fee schlagen voll durch. Für viele Produkte, insbesondere im niedrigen Preissegment, kann dies einen erheblichen Kostenaufschlag bedeuten.

Das wird für viele, aber nicht alle Sendungen gelten. Viele werden vermutlich immer noch billiger sein als vergleichbare Waren über Amazon oder von heimischen Händlern, die China‑Waren in Europa lagern und weiterverkaufen. Der Preisvorteil der Direktimporte schrumpft, aber er verschwindet nicht vollständig.

Dennoch wird es wohl zu einer Verringerung der Importmenge kommen – das zeichnet sich bereits ab. Der Rückgang wird jedoch auf überschaubarem Niveau und vorübergehend bleiben.

2.3 Die neuen Regeln werden die Chinesen nicht vom Markt vertreiben – sie ändern das Geschäftsmodell

Die EU‑Zollreform und die österreichische Paketsteuer sind keine Waffe gegen die chinesischen Plattformen. Sie führen zu einer Veränderung des Geschäftsmodells:

  • Was sich ändert: Die Pakete werden nur mehr teilweise im Direktversand aus China kommen, sondern stark zunehmend von Warenwirtschaftssysteme in der EU versandt.
  • Was sich nicht ändert: Die Marktstellung der chinesischen Player.

Die USA‑Erfahrung: Wie Temu auf hohe Zölle reagiert hat

Die USA haben bereits im Mai 2025 massiv erhöhte Zölle auf chinesische Importe verhängt und die De‑Minimis‑Grenze (800 $) für China‑Sendungen weitgehend abgeschafft. Die Maßnahme war viel massiver als die EU‑Modelle. Die Reaktion von Temu zeigt, wie chinesische Plattformen auf Zollbarrieren reagieren – und was auch in Europa zu erwarten ist.

Bis Anfang 2025 basierte das Geschäftsmodell von Temu in den USA nahezu vollständig auf dem direkten grenzüberschreitenden Versand aus China. Chinesische Hersteller und Händler verkauften ihre Produkte über den Temu-Marktplatz direkt an US-Konsumenten. Nach der Verschärfung der US‑Zölle (bis zu 145 % auf China‑Importe und Wegfall der De‑Minimis‑Grenze) stellte Temu den Direktversand aus China in die USA vollständig ein und sein Geschäftsmodell grundlegend um.

Anstelle des direkten Versands aus China werden Bestellungen für den US-Markt heute überwiegend über lokal verfügbare Waren abgewickelt. Temu erklärte, dass US-Bestellungen künftig ausschließlich von lokal ansässigen Händlern bedient und aus Lagern innerhalb der Vereinigten Staaten versandt werden. Damit wandelte sich Temu von einem reinen Cross-Border-Marktplatz zu einer Plattform, die den lokalen Handel organisiert und unterstützt.

Die Rolle von Temu besteht dabei weiterhin primär im Betrieb der Handelsplattform. Das Unternehmen stellt die technische Infrastruktur für Produktlistings, Suche, Zahlungsabwicklung, Marketing sowie die Kundenakquise bereit und vermittelt zwischen Händlern und Endkunden. Die eigentliche physische Leistungserbringung erfolgt hingegen weitgehend durch lokale Partner.

Damit wandelte sich Temu von einem reinen Cross-Border-Marktplatz zu einer Plattform, die den lokalen Handel organisiert und unterstützt. Alle Verkäufe in den USA werden nun von lokalen Verkäufern abgewickelt, die Bestellungen aus dem Inland erfüllen. Die Preise für US‑Kunden bleiben unverändert.

“Temu hat bereits vor Konkretisierung der Zollreform angekündigt, dass künftig bis zu 80 % des europäischen Umsatzes über europäische Lagerstandorte abgewickelt werden soll. Die zeigt, dass die Transformation in Europa bereits begonnen hat.”

Martin Füll
Partner, CLS Commerce Logistics Specialists
Leiter E-Commerce & Logistik, Logistics Natives

Temu hat den Direktimport aus China in die USA faktisch durch ein Inner‑US‑Fulfillment‑Modell (wie Amazon) ersetzt. US‑Händler lagern ihre Waren – das sind dieselben Waren, aber nunmehr von US‑Händlern B2B importiert – in US‑Zentren, Temu bietet die Plattform und die Kundenreichweite.

Die Zölle führten zunächst zu einem deutlichen Umsatzrückgang. Temu reagierte mit einer grundlegenden Anpassung seines Logistikmodells. Bereits innerhalb weniger Monate stabilisierte sich das Geschäft wieder; mittlerweile ist der Umsatz von Temu bereits wieder um 20 % über dem Vorzoll‑Stand, Temu hat Marktanteile gewonnen. In der Praxis wird Temu ein zweites Amazon. 

Die Parallele zu Europa

Diese Entwicklung ist keine Zukunftsmusik – sie passiert. In der EU bleiben Direktimporte trotz der Verteuerung in vielen Fällen attraktiv. Aber es ist klar, dass das Modell, von EU‑Lagern aus zu versenden, durch die Zollreform zum neuen kostenoptimalen Modell wird. Chinesische Player haben das erkannt, sie haben die Fähigkeiten, das umzustellen, und die Mengen, um das rasch zu skalieren.

Diese Entwicklung läuft bereits seit Längerem in der EU. Temu hat das Local Seller Program in Europa gestartet, JD.com hat Joybuy und Joyexpress und baut gerade mit der Übernahme von MediaMarkt ein vollintegriertes Logistik‑Ökosystem in der EU auf. In Österreich gibt es bereits eine strategische Kooperation mit der Österreichischen Post. Noch fehlen Kapazitäten dafür – doch diese werden bereits aufgebaut. Es entstehen zwei, drei neue „China‑Amazons“ in der EU. Die Zollreform wirkt auf dieses Modell wie ein Brandbeschleuniger.

Für österreichische Händler bedeutet das: Als Nebeneffekt der Zollreform müssen sie sich auf neue, vermutlich noch härtere Wettbewerber mit lokaler Infrastruktur einstellen, die zu neuen, interessanten Wettbewerbsherausforderungen führen.

ÜBER DEN AUTOR

Martin Füll blickt auf mehr als 25 Jahre Erfahrung im E-Commerce- und Logistiksektor zurück. Er startete bei der Österreichischen Post und ist seit damals unabhängiger Berater – heute als Partner der CLS Commerce Logistics Specialists (eine Beratungsboutique, spezialisiert auf grenzüberschreitenden E-Commerce) und als Leiter der Beratungsdivision „E-Commerce & Logistik“ bei Logistic Natives, einem deutschen E-Commerce-Verband. Seit Jahren begleitet er Institutionen, Post- und Expressgesellschaften, Logistikdienstleister und Marktplätze bei der digitalen Transformation und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Infrastrukturen.
www.logistic-natives.com

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