„Die Buhlschaft zu spielen, war ein Lebenstraum!“

Verena Altenberger überzeugt nicht nur durch ihre Vielseitigkeit auf der Bühne, im Film und im Fernsehen, sondern setzt sich auch für Gleichberechtigung in der Filmbranche ein. Cornelia Kühhas hat sie für retail.at zum Interview getroffen.

Frau Altenberger, wann entstand der Wunsch, Schauspielerin zu werden?

Ich wollte Schauspielerin werden, seit ich denken kann. Als ich 3 Jahre alt war, schrieb meine Mitter in ihr Tagebuch: „Verena sagt, sie wird Schauspielerin.“

Es hat aber einige Jahre und viel Arbeit gekostet, bis ich Schauspielerin wirklich als meinen Beruf bezeichnen konnte. Für meinen Vater – er ist Banker – gilt: „Beruf ist, wenn man auch davon leben kann“, ich bin also erst seit knapp 13 Jahren Schauspielerin.

2021 und 2022 spielten Sie die Buhlschaft im „Jedermann“. Als Salzburgerin hat es vermutlich eine besondere Bedeutung, bei den Salzburger Festspielen mitzuwirken?

Die Buhlschaft zu spielen, war ganz klar ein Lebenstraum, der sich erfüllt hat. Mir bedeuten die Salzburger Festspiele und der „Jedermann“ sehr, sehr viel. Meine Familie hat sich sehr mit mir gefreut, auch wenn die erste Reaktion meiner Schwester war: „Oh Gott Lars Eidinger!? Der wird dich an die Wand spielen!“ Hat er nicht, er hat mich sogar auf seinen Schultern getragen.

Sie spielen vielschichtige Rollen, wie eine drogenabhängige Mutter in „Die beste aller Welten“ oder eine junge krebskranke Frau in „Sterne unter der Stadt“. Wie bereiten Sie sich vor?

Ich bereite mich auf alle meine Rollen sehr unterschiedlich, aber sehr intensiv vor. Das bedeutet vor allem, das Leben meiner Rolle in der Wirklichkeit kennenzulernen. Für „Die beste aller Welten“ habe ich viel Zeit mit suchtkranken Menschen verbracht, um die emotionale, körperliche und gesellschaftliche Komplexität des Themas wirklich begreifen zu können. Wenn ich dann irgendwann so „eingearbeitet“ bin, sind die Rollen nicht mehr herausfordernd, weil sie zu meiner kurzzeitigen Normalität geworden sind. Es gibt dann zwar noch einzelne Szenen, vor denen ich ab und zu Bammel hab, oder auch Tage, an denen das Aus-mir-Herausgehen schwieriger ist, als an anderen, aber dieses Gefühl kennen vermutlich sehr viele Menschen.

An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Ich drehe gerade in Salzburg ein Historien-Drama, über das ich noch nicht mehr verraten darf. Abgedreht und spätestens 2025 im Kino sind das Shakespeare-Drama „Kein Tier. So Wild“, die etwas andere Komödie „Das Leben der Wünsche“ und der witzig-melancholische Film „Im Rosengarten“. Im TV wird es zu sehen geben „Acht“ von Regisseurin Marie Kreutzer und den Historien-Film „Bach – Eine Weihnachtsgeschichte“. Außerdem performen Mavie Hörbiger, Clara Frühstück und ich wieder unsere musikalische Lesung „Den Göttern in die Seele blicken“.

Gibt es eine Rolle, die Sie sehr gern spielen würden?

Ich stand 2022 das letzte Mal in einem Theaterstück auf der Bühne (Lesungen mache ich laufend und leidenschaftlich). Das hatte einfach zeitliche Gründe, weil länger geplante Dreharbeiten Vorrang hatten. Schön langsam vermisse ich das Theater aber sehr, und würde mich über eine Theaterrolle ungemein freuen. Und ich liebe Kino. Es ist mein Lieblingsmedium.

Würde es Sie auch reizen, mal hinter die Kamera zu wechseln, z. B. Drehbücher zu schreiben oder Regie zu führen?

Schreiben auf jeden Fall. Ich trau mich nur noch nicht. Vielleicht irgendwann mal eine Co-Regie? Dieses Handwerk muss ja auch gelernt werden. Ich würd‘ s mir nicht einfach so zutrauen.

Gibt es bestimmte Rituale oder Routinen, die Ihnen helfen, nach einem intensiven Drehtag abzuschalten?

Sport und ein Glas Wein. Und Gespräche mit Kolleg*innen. Ich bin auf jeden Fall eine „Zusammen-Hockerin“.

Sie sprechen fehlende Gleichberechtigung, Sexismus und Machtmissbrauch in der Film- und Theaterbranche offen an. Was hat #MeToo in Österreich bislang bewegt bzw. verändert?

Ich glaube, der wichtigste Punkt ist, dass wir nun Worte haben für Vorgänge, die lange unbeleuchtet blieben. Man muss jetzt nicht mehr mit diffusen Bauchgefühlen umgehen, sondern kann oft sehr deutlich benennen, was Machtmissbrauch und sexualisierter Machtmissbrauch sind. Maßnahmen gegen solche Systematiken werden nach und nach gefunden und umgesetzt.

Doch im öffentlichen Umgang mit solchen Fällen bewegt sich wenig. Zu oft hört oder liest man noch immer Sätze wie „Naja, es hat sie ja niemand gezwungen, Schauspielerin zu werden/mit Regisseur xy zu arbeiten“ und Ähnliches.

Sie bezeichnen sich selbst als Feministin. Welche Frauen haben Sie geprägt, welche Frauen sind Ihre Vorbilder – privat und beruflich?

Geprägt haben mich ganz klar meine Mutter und meine Großmütter – sie waren Feministinnen, lange bevor dieser Begriff ein gängiges Etikett wurde. Gleichberechtigung war in unserer Familie eine Selbstverständlichkeit, auch wenn diese gesellschaftlich umzusetzen nicht immer einfach oder möglich war. Beruflich inspirieren mich so viele Frauen. Frauen, die den Mund aufmachen. Aber auch Frauen, die reflektiert über ihre Ängste sprechen und darüber, warum sie in manchen Situationen nicht genug für sich selbst einstehen konnten.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Regisseur*innen und Kolleg*innen? Gib es jemanden, mit der/dem Sie besonders gerne (wieder) zusammenarbeiten möchten?

Ich freue mich grundsätzlich über neue Begegnungen, aber fast noch ein bisschen mehr darüber, mit Vertrauten erneut zu arbeiten. Das können Autor*innen, Regisseur*innen und Kolleg*innen sein. Wenn man sich schon kennt, spart das einiges an Zeit, in den Prozessen „Vertrauen aufbauen“ und „eine gemeinsame Sprache finden“. Beides ist mir ungemein wichtig in der Arbeit. Und dann gibt es ganz, ganz wenige Kandidaten, mit denen ich in Zukunft lieber nicht mehr arbeiten möchte. Den Luxus dieser Absagen leiste ich mir sehr gerne.

Im November 2021 haben Sie gemeinsam mit dem Regisseur und Produzenten Arash T. Riahi die Präsidentschaft der Akademie des Österreichischen Films, die sich als Plattform zur Förderung der heimischen Filmbranche versteht, übernommen. Welche Akzente wollen Sie setzen, welche Ziele verfolgen Sie in dieser Funktion?

Wir arbeiten als (ehrenamtliche) Lobbyisten für die heimische Filmbranche und das österreichische Kino – nach außen, also in Richtung Politik, Wirtschaft, Geldgeber:innen und auch Publikum, wie nach innen. Besonders wichtig sind uns Kinderschutz, sichere und angenehme Arbeitsbedingungen, Nachwuchsförderung hinter der Kamera und das Ansprechen eines jungen Publikums. Wir versuchen, mehr Geld für das österreichische Filmschaffen aufzustellen. Interessanterweise müssen wir international wenig tun, die ganze Welt kennt und liebt österreichisches Kino, wir sind immer stark auf den internationalen A-Festivals vertreten. Seit wir eines der besten Fördermodelle Europas haben, wollen immer mehr und mehr internationale Produktionen in Österreich drehen. Nur im eigenen Land müssen wir immer wieder um die Liebe und die Wertschätzung unserer besonderen Filme ringen.

Verena Altenberger zählt zu den erfolgreichsten und bekanntesten Schauspielerinnen Österreichs. Fotocredit: Peter Müller

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