Laut dem neu erschienenen Startup-Barometer von EY gab es 2023 in Österreich so viele Finanzierungsrunden wie noch nie. Das Finanzierungsvolumen ist jedoch um ein Drittel zurückgegangen. E-Commerce bleibt ein großes Thema.

Noch nie haben innerhalb eines Jahres so viele heimische Startups ein Investment lukriert wie 2023: Die Zahl der Finanzierungsrunden stieg im Vergleich zu 2022 um 22 % auf 184. Das Finanzierungsvolumen schrumpfte allerdings um ein Drittel von 1 Mrd. auf 695 Mio. Euro. Gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2021 ist das sogar ein Rückgang um fast die Hälfte. Insbesondere die Zahl der großen Wachstumsrunden ging stark zurück. Im mittelfristigen Vergleich erscheint das Ergebnis allerdings durchaus erfreulich: Betrachtet man nur die Zeit vor den Boomjahren 2021/22 lag die bisherige Bestmarkte bei 262 Mio. Euro im Jahr 2020.
E-Commerce bleibt wichtiges Thema
Mit Abstand am meisten lukrieren konnte 2023 das PropTech Gropyus mit 100 Mio. Euro vor dem Nachhilfe-Dienstleister GoStudent (88 Mio. Euro) und dem Logistik-Scale-up Myflexbox (75 Mio. Euro). An handelsnahen Unternehmen konnte sich außerdem Refurbed eine Finanzierung von 54 Mio. Euro sichern, Storebox kam immerhin auf 16 Mio. Euro. Ebenfalls für den Handel interessant ist das auf die Risikoanalyse von Lieferketten spezialisierte Logistik-Startup Prewave, das sich eine Finanzierung in Höhe von 18 Mio. Euro sichern konnte.
Die meisten Finanzierungsrunden wurden 2023 wie schon im Vorjahr im Softwarebereich (64) abgeschlossen. Mit SaaS, Artificial Intelligence, Virtual Reality, Blockchain, Cloud, Cyber Security sowie Data Analytics umfasst dieser Bereich Start-ups mit neuen Technologien. Immerhin auf Platz 2 gelandet ist der Bereich E-Commerce mit 28 Finanzierungsrunden und einem Gesamtvolumen von mehr als 90 Mio. Euro.

Zurück auf Vor-Boom-Niveau
Laut EY betraf der Backlash, was die Volumina angeht, nicht nur Österreich, sondern die Startup-Szene weltweit, die mit 2021 und 2022 auf zwei Ausnahmejahre zurückblickt. „Mit der Zinswende, der steigenden Inflation, einer Flaute bei Börsengängen und wachsenden geopolitischen Unsicherheiten hat sich das Marktumfeld 2023 stark gedreht und weltweit gingen Bewertungen und damit auch Finanzierungsvolumina deutlich zurück“, heißt es von EY.
„Nach zwei Boom-Jahren mit neuen Bestmarken bei Finanzierungsvolumina und Bewertungen sieht man überall auf der Welt den Trend ‚Back to the Old Normal‘. Für die österreichische Start-up-Szene war 2023 trotz der schwierigen Rahmenbedingungen ein starkes Jahr, in dem mehr Unternehmen denn je zuvor frisches Kapital bekommen haben“, urteilt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich. „Der Wermutstropfen sind wie schon in den Vor-Boom-Jahren die großen Anschlussfinanzierungen: Für Scale-ups ist es momentan enorm schwer, zwei- bis dreistellige Millionenfinanzierungen zu bekommen, um die nächste Stufe ihres Wachstumsplans zu erreichen.“
Start-up-Paket als „wichtiger erster Schritt“
Prinzipiell sieht Haas Österreich als Startup-Standort auf einem guten Weg. „Mit dem Start-up-Paket (siehe auch hier) wurde zumindest ein wichtiger erster Schritt gesetzt, um Gründungen und Mitarbeiterbeteiligungen zu vereinfachen. Österreich hat prinzipiell gute Voraussetzungen, um auch im internationalen Vergleich ein starker Start-up-Standort zu werden. Damit wir dort auch wirklich ankommen, muss vor allem an drei Hebeln gezogen werden: Unternehmer- und Gründertum fördern, bürokratische Hürden noch stärker abbauen und vor allem bessere Rahmenbedingungen für Investments von institutionellen und privaten Anleger:innen schaffen, beispielsweise über die Etablierung eines Dach-Fonds. So könnte auch das strukturelle Problem der Wachstumsfinanzierungen für Scale-ups made in Austria angegangen werden“, so Haas.
Downrounds – also Finanzierungsrunden mit niedrigen Bewertungen als bei der letzten Runde –, Insolvenzen und Mergers bzw Asset Deals, bei denen Mitbew„Gerade für Scale-ups ist die Zurückhaltung der Investor:innen in Kombination mit sinkenden Bewertungen, hoher Inflation und der Zinswende ein gefährlicher Cocktail, der sich 2024 fortsetzen wird. Wir werden nächstes Jahr eine weitere Konsolidierung erleben, dazu gehören leider auch erber in Schieflage übernommen werden.“ Wie das Startup-Jahr 2024 wird, lasse sich noch nicht vorhersehen. Zu hoch die Unwägbarkeiten, zu vorsichtig die Investoren, zu unsicher die Zinslage. „Klar ist: Starke Founding Teams mit nachhaltigen Geschäftsmodellen und einem klaren Plan, wie Markt-Traction und Profitabilität erreicht werden können, werden auch in diesem Umfeld nach wie vor Finanzierungen bekommen“, sagt Haas.
