Der Modehandel hat nicht nur mit stagnierender Nachfrage und neuen Wettbewerbern aus Fernost zu kämpfen. Neue EU-Regulatorien lassen steigende Preise, mehr Bürokratie und im schlimmsten Fall ein wahres Händlersterben befürchten. Norbert Scheele, Vizepräsident des Handelsverbands, Leiter des Circles Sports & Fashion im HV, sieht insbesondere das geplante EPR-System kritisch.

retail.at: Herr Scheele, wie hat sich der österreichische Modehandel in den letzten Jahren entwickelt?
Norbert Scheele: Leider müssen wir sagen: Es war ein ständiger Kampf. Der stationäre Mode- und Schuhhandel hat seit der Pandemie nicht mehr das alte Niveau erreicht – besonders, wenn man die Preisentwicklung berücksichtigt. Wir stehen unter enormem Wettbewerbsdruck – zuletzt auch zunehmend durch internationale Plattformen wie Temu oder Shein, die mit ihren aggressiven Preisen Kunden anziehen. Viele heimische Händler arbeiten inzwischen an der Rentabilitätsgrenze.
Was heißt das konkret für die Händler vor Ort?
Die Margen sind extrem knapp, gleichzeitig steigen Energie-, Miet- und Personalkosten. Dazu kommt eine immer größere Flut an Bürokratie. Von Datenschutz über die Ökodesign-Verordnung oder die Verpackungsverordnung bis hin zur Entwaldungsverordnung: Jede neue Regelung frisst Ressourcen, die kleine und mittlere Unternehmen gar nicht haben, und erhöht natürlich auch die Kosten.
Nun kommt mit dem EU-weiten EPR-System für Textilien und Schuhe eine weitere Regelung hinzu. Was steckt dahinter?
EPR bedeutet „Erweiterte Herstellerverantwortung“. Vereinfacht gesagt: Händler und Hersteller müssen künftig nicht nur für den Einkauf und den Verkauf ihrer Waren geradestehen, sondern auch für die Sammlung, Sortierung und das Recycling am Ende des Produktlebens. Grundsätzlich ist Nachhaltigkeit uns allen wichtig – aber die Umsetzung muss praxistauglich sein.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Für viele Händler wird das EPR-System, das mit der geplanten Änderung der Abfallrahmenrichtlinie schon in den nächsten Monaten beschlossen werden soll, ein Bürokratiemonster. Es braucht neue Meldesysteme, Gebührenberechnungen, Produktdaten – und all das in einer Branche, die von Saisonwechseln, Trends und tausenden Artikeln pro Jahr lebt. Jeder kleine Betrieb müsste plötzlich komplexe Abläufe und Dokumentationen stemmen.
Was würde sich im Alltag eines Modehändlers konkret ändern?
Stellen Sie sich vor, Sie betreiben ein Modegeschäft mit 15.000 Artikeln auf Lager. Künftig müssten Sie für jeden dieser Artikel genau wissen, aus welchen Materialien er sich zusammensetzt, wie viel davon am Ende recycelt werden kann, das alles in einem zentralen System melden – und dazu noch Gebühren dafür bezahlen. Das bindet Personal, kostet Zeit und Geld – und bringt keinen Cent zusätzlichen Umsatz.
Große Konzerne würden das vermutlich schaffen – aber was bedeutet das für kleinere Betriebe?
Genau da liegt das Problem. Große Ketten können eigene Abteilungen aufbauen. Dabei muss klar sein: Das kostet einiges Geld und würde letztlich auch die Verkaufspreise in durchaus spürbarem Ausmaß erhöhen. Gerade in Zeiten, in denen wieder täglich über die hohe Inflationsrate geklagt wird, ist das alles andere als wünschenswert. Wir reden dabei von einigen Prozentpunkten.
Für kleine Familienbetriebe sieht es nochmals anders aus. Ich fürchte, wir werden Geschäftsaufgaben sehen – und das bedeutet weniger Vielfalt in den Innenstädten, weniger Lebensqualität, vor allem aber weniger Arbeitsplätze. Der Bekleidungs-, Schuh- und Sporthandel hat aufgrund der herausfordernden Rahmenbedingungen schon in den fünf Jahren rund zehn Prozent seiner Beschäftigten verloren. Dieser Rückgang könnte sich nochmals beschleunigen. Im ersten Halbjahr hatten wir 19 Firmenpleiten pro Tag – ein historischer Höchstwert. Und die am stärksten betroffene Branche von allen ist der Handel. Das zeigt, wie es schon heute um die Branche bestellt ist.
Sie haben asiatische Plattformen angesprochen. Würden die nicht genauso betroffen sein?
In der Theorie ja – in der Praxis befürchte ich etwas anderes. Ich glaube nicht, dass sich alle an die Regeln halten werden. Wir sehen ja schon heute, wie einfach es ist, gewisse Vorschriften zu umgehen. Die Zollbehörden sind überlastet. Im Vorjahr sind 100 Millionen Pakete mit einem angegebenen Warenwert von weniger als 150 Euro nach Österreich geliefert worden. Noch immer gibt es keine Lösungen, diese unvorstellbare Flut an Waren zu kontrollieren. Auch bei den Elektrogeräten sieht man, dass die meisten Fernost-Shops die vorgeschriebenen Recycling-Beiträge nicht abliefern, ja sich nicht einmal wie vorgeschrieben bei einer Entsorgungsgesellschaft registrieren. Damit verlieren österreichische Händler nicht nur an Umsatz – sie müssen sogar die Kosten für die Entsorgung der von den Händlern aus Fernost in Verkehr gebrachten Elektrogeräte zahlen. Zu befürchten ist, dass das bei Textilien und Schuhen genauso sein wird.
Was fordern Sie von der Politik?
Erstens: Wenn diese EU-Vorgaben wie angekündigt kommen, muss sich die österreichische Umsetzung auf das absolute Mindestmaß beschränken – ohne zusätzliche nationale Fleißaufgaben („Gold-plating“). Zweitens: faire Wettbewerbsbedingungen, bei denen auch Drittstaatenanbieter effektiv kontrolliert und sanktioniert werden. Drittens: eine stufenweise Einführung mit ausreichenden Übergangsfristen, damit Händler überhaupt eine Chance haben, ihre Systeme anzupassen. Diese Übergangsfristen sind essenziell, da die Modebranche lange Vorlaufzeiten in Design, Produktion und Logistik kennt.
Könnte das EPR-System nicht auch positive Effekte haben?
Ja, wenn es richtig gemacht wird. Mehr Recycling und längere Produktnutzung sind sinnvoll. Aber nur, wenn die Regeln einfach, verständlich und für alle gleich sind – und wenn der Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen steht. Die Systeme müssen so einfach und praxistauglich wie möglich sein, mit möglichst geringer Bürokratie und klarer Kostenstruktur. Besonders Mittelständler dürfen nicht durch komplexe Meldepflichten oder unklare Gebührenregelung überfordert werden.
Wie schätzen Sie die Stimmung im Handel ein?
Man hat das Gefühl, dass ständig neue Pflichten kommen, ohne dass man Luft holen kann. Statt den Betrieben mehr Zeit für Kunden und Sortiment zu geben, sitzen sie immer öfter im Büro und füllen Formulare aus.
Was passiert, wenn die Umsetzung zu kompliziert wird?
Dann verlieren wir weitere Händler – und zwar genau die, die unsere Ortskerne lebendig halten. Wir reden hier nicht nur von wirtschaftlichen Verlusten, sondern auch von sozialen und kulturellen Folgen.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft?
Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sind wichtig – aber bitte so, dass sie machbar bleiben. Ein EPR-System, das den Mittelstand überfordert und internationale Schlupflöcher offenlässt, schadet am Ende mehr, als es nutzt. Die Änderung der Abfallrahmenrichtlinie soll von den europäischen Umweltministern und dem EU-Parlament im Herbst beschlossen werden. Ich hoffe, dass unsere Argumente dabei ausreichend Berücksichtigung finden. Danach hat jeder Mitgliedstaat etwa 20 Monate Zeit, das System in nationales Recht zu gießen. Danach liegt es an der österreichischen Politik, in der nationalen Umsetzung auf Augenmaß zu setzen: keine unnötigen Zusatzauflagen, ausreichend lange Übergangsfristen, minimaler Bürokratieaufwand – und gleiche Regeln für alle, auch für Anbieter aus Drittstaaten. Damit wir die Umweltziele erreichen, ohne den heimischen Modehandel zu zerstören.
Das Positionspapier des Handelsverbands zum geplanten EPR-System finden Sie hier zum Download.
