„Mein Tipp: Gehen Sie an die Hochschulen!“

Beim Handelskolloquium im April wurde zum dritten Mal der Handelsverband-Wissenschaftspreis für herausragende wissenschaftliche Publikationen vergeben. Jury-Vorsitzender Prof. Dr. Utho C. W. Creusen erklärt im Interview, warum die Zusammenarbeit zwischen Handel und Wissenschaft so wichtig ist.

Utho Creusen bei der Verleihung des Handelsverband-Wissenschaftspreises an Robert Zimmermann (c) Katharina Schiffl

Wie ist die Idee zum Handelsverband-Wissenschaftspreis entstanden?

Ich bin schon seit vielen Jahren Vorsitzender der Jury des Wissenschaftspreises, den das EHI Retail Institute jedes Jahr im Rahmen der EuroCIS in Düsseldorf vergibt. Da ich auch eine enge Beziehung zum österreichischen Handel habe, kam uns vor fünf Jahren die Idee, etwas ähnliches auch in Österreich zu machen. Denn die Thematik ist hier die gleiche wie europaweit, nämlich dass der Handel in der universitären Forschung etwas untergewichtet behandelt wird. Der Handel wird als eher einfach und nicht der wissenschaftlichen Betrachtung wert angesehen, was ja völlig falsch ist. Eine Ausschreibung für einen Preis macht es für Studenten attraktiver, sich den Themen des Handels zu widmen. Dass diese Idee auch von den Universitäten sehr begrüßt wird, zeigt die hohe Zahl und Qualität der Einreichungen.

Woher kommen diese Vorbehalte, die sie beschrieben haben?

Universitäten sind traditionell eher technisch orientiert. Insofern sind wissenschaftliche Arbeiten zu Themen aus Bereichen wie Medizin, Technik oder Physik naheliegender als Handelsthemen. Das ist also traditionell bedingt. Es gibt aber auch ganz klar Vorurteile gegenüber dem Handel. Das sieht man auch, wenn man in die Managementebene der Unternehmen hineinschaut: In den großen Industrieunternehmen befinden sich häufig Akademiker auf den obersten Ebenen. Im Handel ist das nicht so häufig der Fall. Da haben es auch viele Praktiker zu hervorragenden Ergebnissen geschafft. Im Handel ist Wissenschaft einfach etwas unterrepräsentiert.

Dabei hat sich der Handel in den letzten Jahren vom Charakter her sehr stark verändert und eine enorme Professionalisierung erfahren.

Definitiv, insbesondere durch die Digitalisierung. Da hat sich enorm viel getan, und in vielen Bereichen ist der Handel durchaus zum Vorreiter geworden. Darum beschäftigen sich heute auch viele junge Menschen mit dem Handel und gründen innovative Unternehmen, etwa in Form von Start-ups. Dadurch steigt auch die Attraktivität für Akademiker.

Warum braucht der Handel die Vernetzung mit der Wissenschaft?

Es kann nie schlecht sein, eine gute Theorie für jene Dinge zu haben, die man praktisch umsetzt. Es kann natürlich auch erfolgreich sein, Trial and Error zu machen – also Dinge einfach auszuprobieren. Aber es gibt nichts Praktischeres, als eine gute Theorie zu haben.

Wie beurteilen Sie die Qualität der heuer eingereichten Arbeiten?

Insgesamt ist die Qualität der österreichischen Einreichungen überdurchschnittlich hoch. Mit der gezielten Ansprache von Universitäten ist der Handelsverband sehr geschickt vorgegangen. Ein Professor, der eine Arbeit empfiehlt und seinem Studenten vorschlägt, sich für diesen Preis zu bewerben, ist natürlich gut beraten, nur die allerbesten Arbeiten ins Rennen zu schicken. Das haben die österreichischen Universitäten gut genützt.

Gibt es Besonderheiten bei den österreichischen Einreichungen im internationalen Vergleich?

Insgesamt sind die österreichischen Arbeiten deutlich praxisorientierter als die internationalen Arbeiten, die manchmal sehr theoretisch daherkommen und fast in die Grundlagenforschung hineingehen.

Lassen sich aus den diesjährigen Einreichungen Trends herauslesen, die die Zukunft prägen werden?

Es sind immer sehr aktuelle Themen, die hier behandelt werden. Als Beispiel möchte ich die Arbeit von David Berghamer zur Nutzung von Whatsapp erwähnen, die wir ausgezeichnet haben. Die Verwendung von Whatsapp im Handel ist ein durchaus umstrittenes Thema. Aber es gibt Beispiele, die teils Erfolge und teils Misserfolge gebracht haben. Das kann man auswerten und davon lässt sich ableiten, welche Nutzungen sinnvoll sind und welche nicht. Ein anderes Beispiel ist die ebenfalls ausgezeichnete Dissertation von Robert Zimmermann, die untersucht, wie der stationäre Handel nach der starken Entwicklung des Onlinehandels in den letzten Jahren wieder gestärkt werden kann – nämlich durch die Verbindung der beiden Business-Modelle. Der Autor hat da interessante Aspekte hervorgestrichen, die ganz praktisch und einfach nutzbar sind.

Gibt es trotz Ihrer jahrelangen Erfahrungen in diesem Bereich für Sie immer noch besonders überraschende Fragestellungen oder Themen, die sich ganz neu auftun?

Immer. Wir haben immer Arbeiten dabei, wo wir sagen: Wow, das ist interessant und neu. Ich lerne bei jeder Vergabe des Wissenschaftspreisen immer noch dazu. Auch das ist ein Grund für solche Ausschreibungen: Durch diese öffentliche Auseinandersetzung mit den neuen Themen wird man erst richtig aufmerksam auf diese Innovationen.

Haben Sie als Experte, der jahrzehntelang auch praktisch in Führungsverantwortung im Handel tätig war, heute ganz konkrete Ratschläge an den Handel?

Mein Tipp wäre: Zeigen Sie sich an den Hochschulen. Sie sind herzlich willkommen, mal an einer Fachhochschule oder einer Universität einen Vortrag zu halten. Die Professoren sind offen dafür und die Studierenden werden begeistert sein. Betreuen oder begleiten sie eine Diplomarbeit. Geben Sie jemandem Zugang zu Ihren Firmendaten, die dann vertraulich bearbeitet werden können. Also eine größere Offenheit den Universitäten gegenüber – das wäre mein Tipp für den Handel.

Weitere Informationen zum Handelsverband-Wissenschaftspreis finden Sie hier:
https://www.handelsverband.at/awards/wissenschaftspreis/

Zur Person: Prof. Dr. Utho C. W. Creusen

Utho Creusen war in vielerlei operativen Funktionen in großen Handelsunternehmen tätig, etwa bei Obi und der Media-Saturn-Gruppe. Daneben war und ist er Aufsichtsrat bei bekannten Unternehmen wie Müller, Nordsee oder Thalia. 1998 wurde Creusen zum Honorarprofessor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ernannt. Es folgten zahlreiche Lehraufträge an verschiedenen renommierten Hochschulen und Universitäten im In- und Ausland. 2008 folgte die Ernennung zum Honorarprofessor an der Katholischen Universität zu Eichstätt-Ingolstadt und 2017 die Berufung zum Programmdirektor der Management School St. Gallen für Digital Leadership.

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