Die Initiative Land schafft Leben feiert ihren zehnten Geburtstag. Die beiden Mitbegründer Hannes Royer und Maria Fanninger im Interview.
Zehn Jahre Land schafft Leben – herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Was waren eure größten Herausforderungen und welche Erfolge machen euch besonders stolz?
Hannes Royer: Mit Land schafft Leben haben wir zum ersten Mal überhaupt ganzheitlich hergezeigt, wie Lebensmittel in Österreich produziert werden – und dabei auch sensiblere Themen wie die Schlachtung von Tieren nicht ausgelassen. Dafür haben wir natürlich nicht nur Zuspruch erhalten, sondern auch viel Gegenwind. Aber genau dadurch haben wir gemerkt, wie wichtig es ist, mehr Transparenz in die österreichischen Lebensmittelproduktion zu bringen.
Maria Fanninger: Es gibt viele Meilensteine, auf die wir sehr stolz sind. Besonders gefreut haben wir uns über den ersten Platz beim Ö3-Podcast-Award 2023. Denn das hat uns gezeigt, dass wir und unsere Inhalte wortwörtlich gehört werden und Themen rund um unser Essen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Seit 2018 fordern wir außerdem eine durchgängige Herkunfts- und Haltungskennzeichnung. 2023 ist hier ein erster Erfolg gelungen: die verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Fleisch, Milch und Eier für österreichische Großküchen.
Euer Verein hat sich der Transparenz von Lebensmitteln verschrieben. Was hat sich in der österreichischen Lebensmittelproduktion, im Handel und auch auf Konsumentenseite seit der Gründung von Land schafft Leben verändert?
Maria Fanninger: Es ist unglaublich, wie viel sich während der vergangenen zehn Jahre im Lebensmittelbereich getan hat. Die Menschen interessieren sich immer mehr dafür, woher ihr Essen kommt und wie es produziert wird, und auch in der Gastronomie wird das immer wichtiger. Auch Handel und Landwirtschaft haben sich weiterentwickelt und es sind tolle Projekte wie zum Beispiel die Marke „FairHof“ von Hofer entstanden, an deren Entwicklung wir beteiligt waren. Gleichzeitig sorgt die Teuerung jedoch dafür, dass der Preis beim Einkauf immer öfter wieder das entscheidende Kriterium ist. In den nächsten zehn Jahren wird es für uns also noch genug zu tun geben, um den Menschen zu vermitteln: Was wir tagtäglich essen, ist alles andere als egal. Denn mit jedem Griff ins Regal erteilen wir einen Produktionsauftrag.“
Gibt es Bereiche in der heimischen Landwirtschaft oder der Lebensmittelindustrie, wo noch großer Aufholbedarf besteht?
Hannes Royer: Die österreichische Landwirtschaft ist grundsätzlich auf einem sehr guten Weg. Unsere Standards sind verglichen mit anderen Ländern in vielen Bereichen sehr hoch. Trotzdem müssen wir uns natürlich weiterentwickeln. Der Druck aus dem Ausland, wo deutlich billiger produziert werden kann als bei uns, ist groß. Umso mehr müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir wirklich gut können: Qualität. Wir brauchen innovative Betriebe, die von Menschen geführt werden, die mit Leidenschaft hinter ihren Produkten stehen und bereit für Veränderung sind. Hier sehe ich auch noch viel Potenzial in der Ausbildung von Landwirten und Lebensmittelproduzenten. Und natürlich muss auch die Landwirtschaft zur Transparenz beitragen. Die Bauern müssen ihre Stalltüren öffnen und auf die Menschen zugehen. Dann wird es auch wieder ein besseres Verständnis für die Lebensmittelproduktion geben.
Die Produktion von Lebensmitteln kommt auch hierzulande immer stärker unter Druck, sei es durch den Klimawandel, die globalen Märkte oder den Wandel im Konsumbewusstsein (z.B. Fleischlos-Trend). Wie positioniert sich Land schafft Leben zu diesen Themen?
Hannes Royer: Das Klima ist untrennbar mit der Produktion und dem Konsum von Lebensmitteln verbunden. Wir haben deshalb einen 100-seitigen Report zum Thema „Landwirtschaft, Ernährung und Klima“ veröffentlicht. Der Report macht deutlich, dass bei diesem Thema viele Halbwahrheiten kursieren und es auch viele Zielkonflikte gibt. Er hat auch gezeigt, dass die österreichische Landwirtschaft deutlich klimafreundlicher ist als die anderer Länder. Wir machen also bereits einiges richtig, das bedeutet aber nicht, dass wir keine Hausaufgaben mehr zu erledigen haben. Die Landwirtschaft muss sich in vielen Bereichen weiterentwickeln und sich vor allem an klimatische Veränderungen anpassen.
Wir sehen, dass bei den meisten Menschen der Preis das ausschlaggebende Kaufkriterium ist. Österreich gibt es aber nun mal nicht zum billigsten Preis. Größentechnisch können wir im internationalen Vergleich nicht mithalten, qualitativ sind wir aber ganz vorne mit dabei. Umso mehr gilt es, die Vorteile der österreichischen Lebensmittel und ihrer Produktion hervorzuheben und zu unterstützen, damit die heimische Lebensmittelproduktion auch eine Zukunft hat.
Maria Fanninger: Wir setzen uns natürlich auch mit verschiedenen Ernährungsweisen und Food Trends auseinander. Wir stellen aber nicht eine Ernährungsform besser als eine andere, sondern wollen die Menschen dazu motivieren, sich ganz grundsätzlich mehr mit der Auswahl ihrer Lebensmittel auseinanderzusetzen. Egal also, ob man sich zum Beispiel vegan oder vegetarisch ernährt oder alles isst: Wichtig ist, zu schauen, wo das Lebensmittel herkommt und wie es produziert worden ist – und ob sich das mit den eigenen Werten deckt.
Euer Engagement erreicht viele Menschen, doch der Weg zu mehr Bewusstseinsbildung ist lang. Wie wollt ihr zukünftig die heimischen Konsument:innen noch stärker aktivieren?
Maria Fanninger: Unsere Arbeit ist dann getan, wenn die Österreicherinnen und Österreicher bewusst konsumieren. Eine besonders wichtige Stellschraube ist dabei die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen. Um diese voranzutreiben, haben wir 2021 die größte österreichweite Bildungsinitiative zu diesem Thema ins Leben gerufen: den Lebensmittelschwerpunkt. Darauf wollen wir uns in Zukunft noch mehr fokussieren. Denn wenn wir langfristig eine gesündere und bewusst konsumierende Gesellschaft werden wollen, dann müssen wir bei der nächsten Generation ansetzen. Lebensmittelwissen, Ernährungsbildung und Konsumkompetenz gehören genauso in die Schulen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Auch die bedarfsgerechte Verpflegung in den Schulen und Kindergärten ist uns ein großes Anliegen.
Welche Vision habt ihr für die nächsten zehn Jahre? Gibt es neue Schwerpunkte oder Projekte, die ihr angehen wollt?
Hannes Royer: Unsere Vision ist, das Bewusstsein und die Wertschätzung für österreichische Lebensmittel zu stärken und die landwirtschaftliche Produktion durch bewussten Konsum zu sichern – und so zur Versorgungssicherheit und zum Erhalt unserer Lebens- und Erholungsräume beizutragen. Wir setzen uns für eine gesunde Bevölkerung ein, die durch hochwertige, regionale Lebensmittel ein gutes und leistungsfähiges Leben führen kann. Um das zu erreichen, haben wir noch einiges zu tun. Konkrete Projekte sind aktuell etwa die Lebensmittelrecherche zum Kürbis und ein Report über das Thema „Essen und Psyche“. Auch die Arbeit im Bildungsbereich wird ein wichtiger Schwerpunkt sein. Die Arbeit wird uns jedenfalls noch länger nicht ausgehen – und das ist auch gut so, denn wir lieben, was wir tun.

