Ungeachtet der Teuerungskrise konnten Fairtrade-Produkte in Österreich im Jahr 2023 ein Umsatzplus von knapp 12 % erzielen. Fairtrade-Österreich-Chef Hartwig Kirner erklärt im Interview, was der Goldpreis mit den explodierenden Kakaopreisen zu tun hat und welche Auswirkungen EU-Lieferketten-Richtlinie und Entwaldungsverordnung auf Fairtrade-Genossenschaften haben.
Aufgrund der stark gestiegenen Lebenshaltungskosten rückte in den letzten beiden Jahren das Thema Preis bei vielen Konsument:innen wieder verstärkt in den Vordergrund, auch auf Kosten der Nachhaltigkeit. Fairtrade bildet da mit einem Wachstum um 12 % auf einen Gesamtumsatz von 663 Mio. Euro eine Ausnahme. Warum?
Während der Corona-Pandemie haben Fairtrade- und Bio-Sortimente massiv profitiert. Einer der Gründe war die Schließung der Gastronomie, in der wir deutlich geringere Anteile haben als im Privatkunden-Geschäft. 2022 erlebten wir dann eine Rückkehr zur Normalität. 2023 war tatsächlich durch die angesprochene Inflationsangst der Menschen geprägt. Aber unsere Ergebnisse zeigen, dass nachhaltige Produkte in Österreich sehr resilient sind. Die heimischen Kundinnen und Kunden sind sehr sensibel für das Thema Fairtrade, und auch der Handel hat uns schon früh unterstützt.
Bei Bio gab es sehr wohl Rückgänge, bei Fairtrade nicht. Was ist der Grund dafür?
Bio zeigte laut den RollAMA-Zahlen einen leichten Rückgang, der aber im Gleichschritt mit der Entwicklung des Handels generell vonstatten ging. Aber ja, Fairtrade hat sich deutlich besser entwickelt als Bio. Der Grund dafür ist, dass wir mit Fairtrade inzwischen auch im Preiseinstiegsbereich gut vertreten sind, sowohl bei Kaffee als auch bei Schokolade – wo etwa Billa bei allen Eigenmarkenprodukten bereits auf 100 % Fairtrade setzt.
Gibt es bei den Produktgruppen Unterschiede in der Entwicklung?
Unser Wachstum kommt primär aus den Bereichen Kakao und Rosen. Beim mengenmäßig größten Bereich, den Bananen, sind wir stabil geblieben – was umso verwunderlicher als, als die 2-Euro-Preisschwelle jetzt nachhaltig überschritten wurde.
Um beim Kakao zu bleiben: Aktuell explodieren die Kakaopreise. Mit welcher weiteren Entwicklung rechnen Sie?
Die Kakaopreise sind tatsächlich komplett aus dem Ruder gelaufen. Eine Verfünffachung der Preise innerhalb eines Jahres – so etwas habe ich noch nie gesehen! Bei den Schokoladefirrmen stehen manche schon mit dem Rücken zur Wand: Die Lager sind leer, doch zur erhofften Stabilisierung der Preise ist es bis jetzt nicht gekommen. Ohne signifikante Erhöhung der Verkaufspreise wird es nicht gehen. Fairtrade-Kakao ist von dieser Entwicklung genauso betroffen wie der konventionelle Kakao. Wir rechnen trotzdem nicht mit rückläufigen Mengen.
Schuld an der Entwicklung ist der Klimawandel?
Es sind mehrere Faktoren. Der Klimawandel zählt dazu. Die Anbauzone verschiebt sich dadurch Richtung Süden. Das Wetterphänomen El Niñohat die Entwicklung sicher noch verschärft. Zusätzlich war der Kakaopreis über Jahrzehnte hindurch wirklich schlecht und ging kaum nach oben. Viele Bauern haben deshalb auf andere Produkte umgesattelt, zum Beispiel auf Kautschuk, der viel unkomplizierter anzubauen ist. Ein weiterer Faktor ist der hohe Goldpreis. Speziell in Ghana haben Bauern deshalb ihr Land an Goldschürfer verkauft. Insgesamt sind die Anbauflächen also stark geschrumpft – was gegen eine baldige Erholung der Preise spricht.
Zum Schluss noch ein anderes Thema: Auf EU-Ebene wurde kürzlich die Lieferketten-Richtlinie beschlossen. Wie wird das ihr Geschäft verändern?
Wir sind gerade dabei, unsere Standards an das Lieferkettengesetz anzupassen. Wir haben seit mehr als 30 Jahren Erfahrung mit Lieferketten, was hilft Probleme anzugehen oder zu vermeiden. Partnerfirmen von Fairtrade werden es deshalb definitiv leichter haben. Aber ganz die Verantwortung abnehmen können wir ihnen trotzdem nicht. Die Entwaldungsverordnung haben wir übrigens schon voll in unseren Standards umgesetzt. Davon sind bei uns insbesondere die Bereiche Kakao und Kaffee betroffen. Wir unterstützen unsere Fairtrade-Genossenschaften auch bei der Umsetzung und kontrollieren bereits die Einhaltung der neuen Standards. Damit gibt es für beide Seiten, Produzenten wie Handel, gute Argumente, mit Fairtrade zusammenzuarbeiten.
