Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), über sinkendes Konsumentenvertrauen, steigenden Preisdruck und die Stabilität von Streikdrohungen.
Der jüngste Konjunkturreport des WIFO für den Handelsverband zeigt das Bild einer sich wieder aufhellenden Stimmung im Handel. War es das mit der Krise?
Ich fürchte, noch sind wir nicht wirklich über den Berg. Die Einschätzung sowohl der Lage als auch der Erwartungen über die nächsten sechs Monate hat sich im Dezember zwar aufgehellt, aber die gesamtwirtschaftlichen Schwierigkeiten dauern noch an. Das Konsumentenvertrauen war im Zuge der Teuerungskrise auf Niveaus abgestürzt, die wir auch während der letzten tiefen Rezessionen nicht gesehen haben. Es verbessert sich nun deutlich, aber gleichzeitig steigt die Sorge um den Arbeitsplatz, weil vor allem die Industrie und die Bauwirtschaft in Rezession verharren. Nur wenn das Vertrauen wirklich zurückkehrt, werden die hohen Lohnabschlüsse gemeinsam mit sinkender Inflation auch wirklich den erhofften vom Konsum getragenen Aufschwung bewerkstelligen.
Wie spiegelt sich die konjunkturelle Entwicklung am Arbeitsmarkt wider?
Trotz Rezession im letzten Jahr erwies sich der Arbeitsmarkt als sehr stabil. Trotzdem stieg die Angst vor Arbeitslosigkeit. Viele Unternehmen, vor allem in der Industrie, setzen auf einen baldigen Aufschwung und halten deshalb an Arbeitskräften, die sie möglicherweise aktuell gar nicht voll auslasten können, fest. Nun steigen die Löhne stark, was dieses „Labor Hoarding“ teurer macht. Es wird abzuwarten sein, ob die Situation stabil bleibt. Der Handel scheint aber, so viel ist klar, ein Hort von Stabilität. Die Beschäftigung im Jahr 2023 lag sogar leicht über dem Wert von 2022.
Die Inflation soll nach Ihren Prognosen heuer zwar auf 4 und im kommenden Jahr auf 3% sinken, liegt aber immer noch deutlich über dem prognostizierten Schnitt der Euro-Zone und dem Zielwert der Europäischen Zentralbank. Wird das die „Kauflaune“ der Konsumenten nachhaltig einbremsen?
Eine Streichung der Mehrwertsteuer würde sicher die Inflation senken. Wenn die Steuern später aber wieder auf das „normale“ Niveau angehoben werden, kommt es zu einem neuen Inflationsschub. Was bleibt, sind aber die entgangenen Steuereinnahmen. Dazu kommt, dass eine solche Streichung wenig zielgerichtet wäre. Daher haben wir am WIFO eine solche Maßnahme nur als ultima ratio gesehen. Jetzt, da die Inflationsrate sinkt, erscheint die Streichung nicht mehr notwendig. Außerdem war die Preissteigerungsrate auf Lebensmittel in Österreich in den letzten Jahren niedriger als in der Eurozone, im Jahr 2023 um mehr als ein Prozentpunkt.
Welche Auswirkungen werden umgekehrt die hohen Lohnabschlüsse mittel- bis langfristig auf die Handelsunternehmen haben?
Die hohen Lohnabschlüsse werden Auswirkungen auf die Profitabilität haben. Das könnte zu einer Ausdünnung des Filialnetzes führen. Außerdem ist klar, dass die hohen Abschlüsse den Preisdruck für die Konsumenten erhöhen, weil sie nicht zur Gänze vom Handel getragen werden können.
Welche Anreize beziehungsweise Rahmenbedingungen bräuchte es, um die Lücken bei Arbeits- und Fachkräften zu schließen?
Es muss uns gelingen, die Beschäftigungsrate weiter zu erhöhen, vor allem in den sozioökonomischen Gruppen, wo sie im OECD-Vergleich niedrig ist: in der Gruppe von Frauen, Ausländer:innen, Menschen über 60. Dazu wird es auch zusätzliche Anreize brauchen, daher muss die nächste Regierung mutige Schritte zur Senkung der Lohnnebenkosten unternehmen, etwa indem der Beitrag zum Familienlastenausgleichsfonds oder zur Wohnbauförderung gesenkt oder besser abgeschafft und aus dem allgemeinen Budget bestritten wird.
Im Zuge der Kollektivvertragsverhandlungen gab es vor und im für den Handel so wichtigen Weihnachtsgeschäft zuletzt Warnstreiks. Wird man sich an derartige Eskalationsstufen gewöhnen müssen?
Die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer:innen steigt, weil die strukturelle Knappheit von Arbeitskräften eher noch zunimmt. Damit werden die Lohnverhandlungen sicher schwieriger in der Zukunft. Dennoch sollten wir alle zusammenhelfen, dass Arbeitskämpfe vermieden werden. In internationalen Vergleichen der Streikstatistik hat Österreich immer noch eine absolut hervorragende Position. Diese darf nicht verloren gehen.
Es gab zuletzt nicht zuletzt durch die Fluchtbewegungen als Folge des Ukraine-Kriegs ein starkes Bevölkerungswachstum. Wie sehr verfälscht diese hohe Zuwanderung die Vergleichbarkeit des BIP mit jenem der Vorkrisenjahren?
Das ist klarerweise ein Thema. Darum sollte man sich für Vergleiche das BIP pro Einwohner ansehen. Tut man das, sieht die ohnehin schwache Performance der Dynamik der letzten Jahre noch schlechter aus. Ein Kernproblem liegt darin, dass zwar die Anzahl der Einwohner steigt, die insgesamt geleisteten Arbeitsstunden aber nicht zunehmen. Das ist keine gesunde Entwicklung. Es muss uns viel schneller gelingen, Einwanderer in den heimischen Arbeitsmarkt zu integrieren.
