Elīna Garanča ist eine der gefragtesten Mezzosopranistinnen. Ihre Karriere begann sie in ihrer Heimat Lettland. Heute steht sie regelmäßig auf den bedeutendsten Opernbühnen der Welt, darunter die Metropolitan Opera, die Wiener Staatsoper und die Salzburger Festspiele. Wir haben sie für retail.at und das Retail-Magazin zum Interview getroffen.
Die Musik ist Ihnen quasi in die Wiege gelegt worden. Ihr Vater war Chorleiter, Ihre Mutter Gesangsprofessorin. War für Sie schon immer klar, dass Sie Sängerin werden wollen, oder gab es auch andere Träume?
Seit ich mich erinnern kann, hat mich die Bühne magisch angezogen. Ich bin praktisch im Theater aufgewachsen. Statt davon zu träumen, eine Prinzessin zu sein, wollte ich ein Star sein. Deshalb war meine allererste Karrierewahl Schauspielerin. An der Schauspielschule wurde ich nicht aufgenommen, meine schauspielerische Leistung war einfach nicht gut genug. Also spielte ich mit dem Gedanken, Kulturmanagement zu studieren. Doch als ich im Vorbereitungskurs einen Geschäftsplan erstellen und erläutern sollte, wie ich eine Veranstaltung organisieren würde, fiel mir nichts ein – und ich scheiterte erneut. Ich begann, mir Sorgen zu machen: Was, wenn ich nichts richtig kann? Und erst dann traf ich endlich meine Entscheidung, Sängerin zu werden.
Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs? Gab es auf Ihrem Weg zur Weltkarriere einen Schlüsselmoment oder eine prägende Begegnung, die Ihre Laufbahn entscheidend beeinflusst hat?
Um Erfolg zu haben, braucht es enorme Widerstandskraft, Geduld – und die Fähigkeit zur Selbstkritik sowie zum Lachen, auch wenn es nichts zu lachen gibt. Es wäre unfair, ein oder zwei Schlüsselmomente in meiner künstlerischen Karriere hervorzuheben, denn jedes Debüt oder jeder Durchbruch führte zu einem anderen. Angefangen hat alles nach dem Belvedere-Wettbewerb 1998: Zum ersten Mal wurde ich wahrgenommen und von Christine Mielitz ermutigt, für ein Theater vorzusingen. Ich werde nie vergessen, wie mir bei meinem ersten Auftritt als Lola in Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ die Knie zitterten – und die 2000 Augenpaare, die mich anstarrten, als ich auf der Bühne dieses Opernhauses stand, das mir damals so groß vorkam. Die Rolle der Carmen katapultierte mich in die dramatische Femme-fatale-Welt, die mich unvergleichlich begeistert. Ebenso unvergesslich mein Annio in Mozarts „La clemenza di Tito“ bei den Salzburger Festspielen 2003. Und der Gedanke an die Werther-Eröffnung an der Wiener Staatsoper und das Betreten dieses A-Klasse-Theaters bereitet mir immer noch Gänsehaut. Letztlich ist jeder Moment, in dem ich mit meiner Stimme das Herz eines Zuhörers berühren kann, für mich ein wahrer Schlüsselmoment.
Welche Rolle war für Sie bislang die größte Herausforderung, und warum?
Es ist schwer, nur eine einzige Rolle als größte Herausforderung zu benennen – das würde ja fast bedeuten, ich hätte den Gipfel schon erreicht und es gäbe keine neuen Höhepunkte mehr! Jeder Meilenstein in meiner Karriere war auf seine Weise fordernd und bedeutend. Aber wenn ich eine Rolle hervorheben müsste, dann wäre es mein Debüt als Amneris in Verdis Aida. Diese Partie war für mich wie der Aufstieg auf meinen ganz persönlichen „Mount Everest“. Ich hatte großen Respekt vor dieser Rolle – nicht nur aus technischer Sicht, sondern auch vor Amneris als Frau und Figur: ihre innere Zerrissenheit, ihre Stärke, ihre Verletzlichkeit – all das macht sie so vielschichtig und menschlich. Heute darf ich Amneris regelmäßig auf den unterschiedlichsten Bühnen singen – und doch stellt mich diese Rolle immer noch vor Herausforderungen. Denn jede Bühne, jede Regie und jedes musikalische Konzept verlangt etwas anderes. Natürlich träume ich weiter, mit vielen mutigen Ideen im Kopf und im Herzen. Aber ich lasse mich überraschen, was die Zukunft für mich bereithält.
© Sarah Katharina
Gibt es eine Rolle, die Sie noch nie gesungen haben, die aber ganz oben auf Ihrer Wunschliste steht?
„Ganz oben” gibt es nie! (lacht) Nachdem ich ikonische Mezzosopran-Rollen gesungen habe, denke ich natürlich über die nächste Phase nach. Doch bevor ich zu Rollen wie Großmüttern, Hexen oder Zigeunerinnen übergehe, bleibe ich noch Mezzo-Sopranistin. Neben meinem Klavier liegt übrigens ein Klavierauszug von Lohengrin, aber wie bei allem anderen kommt es auch hier auf gutes Timing an.
„Klassik unter Sternen“ auf Stift Göttweig zählt zu den Highlights im österreichischen Kultursommer. Sie treten dort seit 2008 auf – gemeinsam mit jungen Operntalenten. Was bedeutet diese Veranstaltung für Sie persönlich?
Für mich ist es mehr als ein Konzert, es ist ein echtes Zuhause, zu dem ich immer wieder gerne zurückkehre. Göttweig ist längst zu meinem Pilgerort geworden. Die Atmosphäre unter freiem Himmel, weniger Erwartungsdruck, sondern ein offenes Herz – all das spricht die Menschen auf eine unmittelbare, authentische Weise an. Ein Herzensanliegen ist für mich auch die Zusammenarbeit mit jungen Talenten aus meinem Förderprogramm „ZukunftsStimmen“. Ihnen eine erste große Bühne zu bieten, ihre Stimmen zu entdecken und sie ein Stück ihres Weges begleiten zu dürfen, erfüllt mich mit großer Freude und Stolz.
Was geben Sie jungen Sängerinnen und Sängern mit auf den Weg, die von einer Karriere auf der Opernbühne träumen?
Ich sage ihnen immer: Talent ist wichtig – aber ohne Technik, Ausdauer und Selbstreflexion wird es schwer. Ich selbst habe sehr viel Zeit, Geld und Energie in meine Ausbildung investiert, verschiedene Lehrer:innen gehabt, und von jedem und jeder etwas Wertvolles gelernt. Dieses Wissen weiterzugeben, ist mir ein echtes Anliegen. Jede:r Sänger:in hat einen eigenen Weg. Deshalb kann ich nicht sagen: „Macht es genau wie ich, dann funktioniert es.“ Aber ich sehe, dass viele junge Künstler:innen nach dem Studium Orientierung brauchen. Sie haben noch keinen Agenten, kein Engagement, stehen am Anfang und wissen nicht, wie es weitergeht und genau da möchte ich sie mit meiner Erfahrung unterstützen. Es wäre schade, all mein Wissen und meine Erfahrungen mit mir „ins Grab zu nehmen“. Deshalb arbeite ich mit meiner Initiative „ZukunftsStimmen“ gezielt mit jungen Talenten, um technische Hürden zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden. Warum fällt ein bestimmtes Crescendo schwer? Wie gestalte ich einen Übergang? Ich helfe, wo ich kann und stehe den Künstler*innen auch nach dem Wettbewerb mit Rat und persönlichem Kontakt zur Seite.
Wie sieht Ihr persönliches Warm-up vor einem Auftritt aus? Haben Sie ein bestimmtes Ritual?
Ich habe mir nie ein wirklich fixes Ritual angewöhnt. Doch bevor ich auf die Bühne gehe, achte ich darauf, körperlich präsent zu sein. Ich mache Atemübungen, leichte Dehnungen – und brauche einen Moment der Ruhe. Mir hilft es, mich zu erden, bevor ich meine Stimme bewusst einsetze. Ganz pragmatisch achte ich darauf, dass alles sitzt, vom Kleid bis zum Taschentuch. Wichtig ist für mich, innerlich ruhig zu sein. Wenn Körper, Geist und Stimme im Einklang sind, kann ich frei singen.
Wo und wie finden Sie Ausgleich zum intensiven Bühnenleben?
Wenn ich bei der Gartenarbeit die Hände in der Erde habe, tauche ich komplett ab. Für mich bedeutet das wahre Erdverbundenheit und zugleich innere Balance. Die Gartenarbeit hilft mir, Stress abzubauen und mich zu erden. Gerade an besonders intensiven Tagen ordnet sie meine Gedanken und bringt mich wieder zu mir selbst zurück.
Auch während längerer Tourneen suche ich kleine Inseln der Ruhe in der Natur – sei es ein Garten, ein Park oder ein Spaziergang im Grünen. Man braucht nicht immer absolute Stille. Manchmal genügen Wald, Erde und vielleicht ein paar Tomaten, um den inneren Akku wieder aufzuladen.
Wie halten Sie sich und Ihre Stimme fit?
Disziplin und Kondition sind für mich generell sehr wichtig, besonders bei anspruchsvollen Partien, die viel körperlichen Einsatz verlangen. Ich bin eher eine Projektsportlerin: Wenn ich ein klares Ziel vor Augen habe, bewege ich mich besonders gern und mit viel Motivation. Statt Fitnessstudio arbeite ich lieber im Garten, das gibt mir Ausgleich und Kraft und die Verbindung zur Natur hilft mir, mich zu erden und den Kopf frei zu bekommen.
Ein Schlüssel zur Stimmfitness ist für mich bewusstes Planen. Große Partien bereite ich oft über ein Jahr im Voraus vor – mit gezieltem Training und körperlicher Vorbereitung, ähnlich einem Projekttraining. Sobald ich merke, dass meine Stimme sich verändert oder weniger frei klingt, reflektiere ich mich selbst oder konsultiere meinen Stimmcoach. Das Training beginne ich dann, wenn sich etwas nicht mehr leicht anfühlt.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Typisch? Gibt’s bei mir nicht! Ein „normaler“ Tag kann morgens mit Schulbrote-Schmieren beginnen und abends mit einem Bühnentod in Carmen oder Dalila enden. Dazwischen Proben, Reisen, Mails, Stimmpflege, Interviews und irgendwo dazwischen versuche ich noch, Mutter und Ehefrau zu sein. Multitasking ist mein zweiter Vorname. (lacht)
Sie haben zwei Töchter. Haben sie Ambitionen, in die Fußstapfen Ihrer Mutter zu treten?
Beide haben definitiv eine musikalische Begabung geerbt, das liegt bei uns in der Familie. Aber ob sie tatsächlich in meine Fußstapfen treten wollen, ist eine andere Frage. Meine ältere Tochter träumt davon, Filmschauspielerin zu werden, während die jüngere aktuell davon überzeugt ist, die nächste Ariana Grande zu sein. Also kreative Wege auf jeden Fall, aber nicht unbedingt in die klassische Musik. Und das ist völlig in Ordnung. Ich unterstütze sie, wohin auch immer ihre Talente und Träume sie führen.
Welche Projekte und Auftritte stehen in nächster Zeit auf Ihrem Spielplan?
Ich freue mich ganz besonders auf die Südamerika-Tournee im Oktober – eine Reise, die sicher wieder viele Eindrücke und Inspirationen bringen wird, von denen ich noch lange in den Wintermonaten zehren kann. Im November kehre ich mit großer Freude an die Bayerische Staatsoper in München zurück, in einer meiner Herzensrollen, der Santuzza in Mascagnis „Cavalleria rusticana“. Diese Partie begleitet mich zwar schon seit vielen Jahren, aber ich kann noch immer nicht genug von ihr bekommen.
Einmal rappen bitte!
DER HANDELS-WORDRAP MIT ELĪNA GARANČA
Am liebsten kaufe ich … SCHUHE
An diesem Geschäft kann ich nicht vorbeigehen … BAUMARKT
Immer in meinen Einkaufswagen lege ich … HOLUNDERBLÜTEN-SIRUP
Wenn ich mir etwas Gutes tun möchte, kaufe ich … PUZZLE
Für mein Lieblingsgericht kaufe ich … DUFTENDE KRÄUTER UND GUTES OLIVENÖL
Mein bester Spontankauf war … UNSERE HAUSKANINCHEN
