Putenfleisch: Tierwohl fordern, Tierleid fördern

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Gute Nachrichten: Das Verhältnis von heimischem zu importiertem Putenfleisch wird im heimischen Lebensmittelhandel mittlerweile auf 50 zu 50 geschätzt. © Land schafft Leben

Die Frage, ob ihnen die Haltungsbedingungen des Tieres beim Einkauf wichtig sind, bejahen die meisten Konsument:innen.  Dennoch werden Konsumentscheidungen auch beim Fleisch noch hauptsächlich über den Preis getroffen, der Faktor Tierwohl rückt in den Hintergrund.

Als Consumer-Citizen-Gap wird der Umstand bezeichnet, dass wir Menschen uns als Bürger:innen anders verhalten als in unserer Rolle als Konsument:innen. Beim Thema Tierwohl kommt dieses Konzept gerne zum Tragen: Viele Menschen wünschen sich bessere Haltungsbedingungen in der Fleischproduktion, greifen beim Lebensmitteleinkauf dann aber – abgeschreckt von dem höheren Preis des Tierwohlproduktes – doch lieber zur billigen Angebotsware. Dieses Paradoxon kann zur Folge haben, dass höhere Tierwohlstandards in der Fleischproduktion letztendlich dazu führen, dass Tierleid gefördert wird. Was auf den ersten Blick wenig Sinn machen mag, lässt sich am Beispiel der Pute gut beobachten.

Mindere Produktionsstandards werden nur verlagert

Die Pute wird in Österreich unter weit höheren Standards gehalten als in anderen Ländern: Der Platz, den jedes Tier zur Verfügung hat, ist so streng reguliert wie sonst nur in der Schweiz und in Schweden. Das ist sogar gesetzlich festgehalten. So darf ein österreichischer Putenmastbetrieb maximal 40 Kilogramm seiner Tiere auf einem Quadratmeter halten. Das entspricht etwa zwei ausgewachsenen männlichen Puten, wobei diese am Ende der Mast schon recht eng beieinander stehen müssen. Zum Vergleich: In anderen europäischen Ländern werden durchschnittlich 60 bis 70 Kilogramm pro Quadratmeter gehalten. In den meisten Ställen stehen somit eineinhalbmal bis doppelt so viele Tiere wie in österreichischen Ställen. Für die heimischen Bäuerinnen und Bauern bedeutet das weitaus höhere Kosten pro Tier.

Dieser finanzielle Mehraufwand zugunsten des Tierwohls schlägt sich im Preis nieder. Viele Konsument:innen sind jedoch meist nicht dazu bereit, einen höheren Preis für das heimische Putenfleisch zu bezahlen und greifen stattdessen zu dem billigeren Produkt aus dem Ausland. Die Konsequenz: Weit mehr als die Hälfte des in Österreich konsumierten Putenfleisches wird aus anderen Ländern importiert, wo es keine Mindeststandards in der Putenhaltung gibt. Branchenschätzungen gehen sogar von drei Vierteln aus. Durch die hohe Nachfrage nach billigem Putenfleisch werden die niedrigeren Standards also lediglich ins Ausland verlagert und dort weiter gefördert, während die heimischen Produzent:innen auf Tierwohl setzen, das kaum jemand honoriert.

So setzt sich der österreichische Putenfleisch-Konsum der Österreicher:innen zusammen. © Land schafft Leben
Die Lücke schließen

Die Hälfte des Putenfleisches wird in Österreich außer Haus konsumiert, also in der Gastronomie oder in Kantinen. Hier ist der Anteil an heimischem Putenfleisch besonders dürftig: Nur ein Bruchteil des Putenfleisches, das wir in der öffentlichen Beschaffung, in Großküchen und in der Gastronomie bestellen, kommt aus Österreich. Der Anteil des importierten Putenfleisches beläuft sich hier laut Branchenschätzungen auf etwa 95 Prozent.  Dort, wo Herkunft und Haltung tierischer Produkte nicht ersichtlich sind, hat es das heimische Putenfleisch also besonders schwer. Ein besseres Bild zeichnet sich im Lebensmitteleinzelhandel ab. Das Verhältnis von heimischem zu importiertem Putenfleisch wird hier mittlerweile auf 50 zu 50 geschätzt.

Tierwohl fordern, aber Tierleid fördern: Das Beispiel der Pute zeigt, dass den Konsument:innen Tierwohl vielleicht noch nicht ganz so viel wert ist, wie es den Eindruck macht. Es zeigt aber auch, wie das Zusammenspiel von Politik, Landwirtschaft Handel und Konsument:innen eine Änderung der Produktionsbedingungen bewirken kann. Die hohen Standards in der Putenhaltung wurden branchenintern beschlossen, gesetzlich geregelt und nicht zuletzt vom Handel ermöglicht, indem er österreichisches Putenfleisch gelistet und teilweise quersubventioniert hat, um dessen Absatz zu gewährleisten. Nun braucht es noch ein größeres Bewusstsein der Konsument:innen, damit die Consumer-Citizen-Gap geschlossen wird und Tierwohl in der österreichischen Fleischproduktion eine nachhaltige Chance bekommt.

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