Stichwort „Messe”: Real? Digital? Nicht egal!

Ob Hausmesse, Roadshow oder regionales Event – derartige Veranstaltungen spielen für den Handel eine ungeheuer wichtige Rolle.
Kein Großevent für den Elektrohandel

Neues Jahr, alte Leier – die heimische Elektrobranche muss auch heuer ohne zentrales Event auskommen. Die Elektrofachandelstage wurden zum zweiten Mal infolge abgesagt. Coronabedingt, eh klar. Für den Elektrohandel bedeutet das gerade in Hinblick auf die Hauptsaison nichts Gutes: Erstens bleibt der persönliche Austausch, der in den letzten Monaten ohnehin viel zu kurz gekommen ist, weiter auf der Strecke. Zweitens fehlt den Händler:innen (und den Verkäufer:innen) ein elementarer Bestandteil ihres Geschäfts: das Begutachten, Anfassen und Ausprobieren der Geräteneuheiten in natura sowie der direkte Vergleich zu den Produkten anderer Hersteller:innen.

Zugegeben, in eineinhalb Pandemie-Jahren hat sich so manche als unumstößlich geltende „Säule” – im privaten ebenso wie im geschäftlichen Bereich – als antiquiert und damit durchaus als veränderbar erwiesen. Messen erscheinen nicht erst seit dem jüngsten Digitalisierungsschub anachronistisch – nur allzu gerne wurden und werden hier teil höchst kreative Kosten-/Nutzenrechnungen angestellt, um das Ansetzen des Rotstifts auch mit Zahlen rechtfertigen zu können. Ein völlig falscher Ansatz, wie ich meine, denn schon das vergangene Jahr hat schmerzlich gezeigt, wie sehr die Beziehungspflege und der „direkte Draht” fehlen.

Aktuelle (internationale) Messesituation

Nachdem mit der IFA in Berlin auch die internationale Branchenleitmesse gecancelt wurde (2020 gab es zumindest noch eine – wenngleich wenig erfolgreiche – digitale Ersatzveranstaltung), wird sich der heimische Elektrohandel im Herbst zwangsläufig mit einem bunten Strauß an Hausmessen, Roadshows und regionalen Events konfrontiert sehen. Das bedeutet, dass es die so sehnlich herbeigewünschten physischen Möglichkeiten, vom persönlichen Gespräch über die Informationsbeschaffung aus erster Hand bis hin zur Produktschau live und in Farbe, in irgendeiner Form geben wird. Allerdings verbunden mit einem entsprechenden Mehr-Aufwand auf beiden Seiten, sprich der Händler:innen und der Hersteller:innen. Dieses Szenario stellt insbesondere den Fachhandel vor eine große Herausforderung, da dieser seine besonderen Stärken in der Kundenbeziehung und der Beratungsqualität hat – und um diese Qualität weiterhin bieten zu können, sind Online-Schulungen, Webinare & Co. alleine nicht genug.

Umso bitterer – und auch unverständlicher – ist es daher, dass die heimische Elektrohandelslandschaft trotz ihrer Stärke und des aktuellen Nachfragebooms kein adäquates Veranstaltungsformat vorfindet, um zumindest die „Grundbedürfnisse” decken zu können. Es war ja absehbar, dass eine Rückkehr zu den etablierten „Prä-Corona”-Veranstaltungsformaten – zu denen die Elektrofachhandelstage durch ihre breite Akzeptanz in der Branche zweifellos zählen – auch heuer nur schwer möglich sein würde. Obwohl sich die althergebrachte „analoge” Veranstaltung als nicht-krisenresistent erwiesen hat, fehlt es bis heute an alternativen Ansätzen, von einem praktikablen Gesamtkonzept ganz zu schweigen. Bezeichnenderweise hat auch keine Auseinandersetzung über die Zukunft der Branchenmesse stattgefunden (zumindest nicht in der gebührenden Breite und Tiefe).

Hybrid-Messen als Zukunftskonzept?

Seit Ausbruch der Covid-Pandemie sprudelt förmlich der Quell, was an virtuellen Veranstaltungen möglich ist, und selbst wenn die meisten anfangs etwas holprig und unbeholfen wirkten, so wurden diese Events sukzessive besser und professioneller. Nicht, dass diese digitalen Formate eine Präsenzmesse ersetzen könnten – aber sie können eine solche begleiten. „Hybridveranstaltung” lautet das Zauberwort, an dem sich derzeit alle zukunftstauglichen Konzepte zu orientieren scheinen. Was naheliegend ist, kann die Kombination vom Besten aus beiden Welten doch echte Mehrwerte schaffen.

Die große Gefahr bei solchen Entwicklungen ist jedoch – neben der bereits erwähnten Kostenfrage – die „Trägheit” des Menschen. Die meisten gewöhnen sich sehr schnell an geänderte Umstände, selbst wenn diese deutlich widriger sein mögen als die vorigen – und geben sich damit zufrieden. Zumal der Mensch bekanntermaßen ja auch äußerst leidensfähig ist. Beim fragilen Thema Messe könnte der „Point of no Return” jedoch sehr rasch erreicht und der damit verbundene Aufschlag durchaus hart sein. Um solch einen unsäglichen Zustand zu vermeiden, bräuchte es zunächst nur ein wenig guten Willen – denn wie jede Reise beginnt auch diese mit dem ersten Schritt.

Wolfgang Schalko| Chefredakteur
 elektro.at
E&W – Herausgeber & Ressortleitung Multimedia

Kommentar verfassen