“Der Klimawandel ist nicht fair”

Auch die Arbeit der SystemerhalterInnen in Lateinamerika und Afrika wird von der Pandemie merkbar beeinflusst. Hartweg Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade, setzt sich seit dem Ausbruch täglich mit der Situation auseinander.

Herr Kirner, wie hat sich der FAIRTRADE-Markt im Gesamtjahr 2019 entwickelt?

Sehr gut. Wir freuen uns, dass auch 2019 viele Konsumentinnen und Konsumenten in Österreich dem fairen Handel ihr Vertrauen geschenkt und auf das FAIRTRADE-Siegel geachtet haben. Die Aktivitäten der FAIRTRADE-Partnerunternehmen, -Gemeinden und -Schulen sorgten dafür, dass die Produzentenorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika mehr als 53,7 Mio. USD an Direkteinnahmen aus Österreich generieren konnten. 4.621 Tonnen FAIRTRADE-Rohkaffee wurden nachgefragt, dass bedeutet ein Plus von 11 % gegenüber dem Vorjahr. FAIRTRADE-Bananen legten um 13 % zu, auf 31.535 Tonnen. Weiter gewachsen ist auch die Nachfrage nach FAIRTRADE-Kakaobohnen, mit einem Plus von 6 % auf 3.423 Tonnen. Die Nachfrage nach Rohrzucker stieg um 1 % auf 2.882 Tonnen, Fruchtsaftkonzentrat zeigte eine leicht rückläufige Entwicklung auf 938 Tonnen, FAIRTRADE-Rosen verzeichneten aufgrund einer Verpackungsänderung einen Rückgang auf 33,5 Mio. Stiele.

2019 stand ganz im Zeichen des Klimawandels. Wie hat sich dieser auf die Ernten und Weltmarktpreise bei Kaffee und Kakao ausgewirkt?

Die Veränderung der Regen- und Trockenzeiten, oder auch vermehrtes Auftreten von Wetterextremen wie Dürren oder Überschwemmungen sind leider bereits seit Jahren Realität, und haben nicht erst im vergangenen Jahr begonnen. Was dazu kommt: Der Klimawandel ist nicht fair. Gerade die ärmsten Regionen, die die geringsten CO2-Bilanzen haben und am wenigsten zum Klimawandel beitragen, sind in der Regel auch die ersten, die davon betroffen sind. Direkte Auswirkungen sind zum Beispiel daraus resultierende niedrigere Ernteerträge. Die Auswirkungen der Klimakrise auf die Rohstoffpreise sind vielfältig. Was wir aber gerade im Kaffee- und Kakao-Bereich ausmachen können, sind sinkende Weltmarktpreise bzw. generell zu niedrige Weltmarktpreise, um eine faire Entlohnung für die Kleinbauernfamilien zu gewährleisten. Der Weltmarktpreis für Kakao ist beispielsweise aktuell wieder unter den FAIRTRADE-Mindestpreis gefallen, auch der Weltmarktpreis für Kaffee ist nur knapp darüber. FAIRTRADE hat daher bereits im vergangenen Jahr im Kakaobereich darauf reagiert, und den FAIRTRADE-Mindestpreis für Kakao um 20% angehoben. Dadurch konnten alleine im vierten Quartal 2019 die Direkteinnahmen der FAIRTRADE-Kakao-Produzenten um 13,8 Mio. Euro erhöht werden – ein wichtiger Schritt in Richtung existenzsicherndes Einkommen.

Zurzeit befindet sich die ganze Welt im Corona-Krisenmodus. Wie wirkt sich die Krise auf internationale Lieferketten und Produktionsflüsse aus?

Das gesamte Ausmaß ist noch nicht absehbar, eines ist jedoch sicher: Die Coronakrise wird Vieles verändern. In Afrika und Lateinamerika ist die Pandemie erst spät angekommen und es wird wenig getestet. Es ist zu befürchten, dass es deutlich mehr Erkrankungen gibt, als offiziell sind. Die Angst vor verheerenden Folgen ist wie überall auf der Welt groß und das beeinflusst natürlich nicht nur die Arbeit in der Landwirtschaft, sondern auch die Lieferketten, die unter Einschränkungen leiden. Allen voran ist die Blumenindustrie sehr stark betroffen. Die Luftfracht wird immer mehr zum Thema und viele Betriebe wenden sich an ihre Kunden, um sie beim Zugang zu Frachtflügen nach Europa zu unterstützen. Insgesamt stehen aber auch in anderen Branchen die Herausforderungen im Verkehrsbereich im Vordergrund. Es gibt zunehmend Berichte über die Auswirkungen von Beschränkungen auf den Transport und Export von Gütern, einschließlich gemeldete Engpässe bei Verpackungen, Transportfahrer, Markt- und Auktionsschließungen und Verspätungen bei Versand oder Fracht, Mangel an Schiffscontainern und Herausforderungen bei der Sicherung von Frachtflügen. In einigen Ländern treffen diese Herausforderungen die Erzeuger bereits auf landwirtschaftlicher Ebene, wo sie versuchen, ihre Produkte zu verarbeiten und auf den Markt zu bringen oder benötigte Produkte wie Dünger, Saatgut oder sogar Lebensmittel zu erhalten.

Viele Produzentenländer im globalen Süden sind von Corona besonders stark betroffen. Was kann dagegen unternommen werden?

Die Schutzmaßnahmen erschweren natürlich auch die Arbeit im Ursprung. Mehr Abstand, zusätzliche Hygienemaßnahmen, Investitionen in Masken und vieles mehr machen die Arbeit aufwendiger und drosseln die Produktionsmengen und Gewinne. Fairtrade International hat daher rasch reagiert und entschieden, dass die FAIRTRADE-Kooperativen und -Plantagen ihre FAIRTRADE-Prämien in dieser Zeit flexibler verwenden können. Die FAIRTRADE-Prämie ist ein zusätzlicher Betrag zum Verkaufspreis, den die Produzentenorganisationen bei jedem FAIRTRADE-Verkauf erhalten und in Projekte ihrer Wahl zum Nutzen ihrer Kooperativen oder Gemeinden investieren. Die FAIRTRADE-Prämie wird aktuell zur Prävention, Erkennung und Behandlung von Corona-Ansteckungen eingesetzt, aber auch zur Finanzierung von Schutzmasken, Handschuhen, Beatmungsgeräten, Reinigungsprodukten einschließlich Desinfektionsmitteln und für den Einkauf von Lebensmitteln. In diesen Krisenzeiten auch bis zu 100 Prozent der FAIRTRADE-Prämien als direkte Barauszahlungen an die Arbeitnehmerinnen verteilt werden.

Darüber hinaus hat Fairtrade International als Sofortmaßnahme einen Hilfsfonds in der Höhe von 3,1 Mio. Euro aufgesetzt. Dieser wird kurzfristig dafür eingesetzt, in den Produzentenländern dringend notwendige medizinische Güter wie Mundschutz und Medikamente anzuschaffen. Langfristig sind mit diesen zusätzlichen Geldmitteln Investitionen in die Infrastruktur oder in Fortbildungsprogramme der von der Pandemie besonders stark betroffenen Regionen geplant.

Zugleich entstehen bei den FAIRTRADE-Organisationen Solidaritätsaktionen und pragmatische Lösungen. In Pakistan beispielsweise haben die Näherinnen von FAIRTRADE-Sportbällen mit der Produktion von Masken begonnen, die sie unter der Bevölkerung verteilen, in Ecuador verteilen die FAIRTRADE-Bananenproduzenten unverkaufte Bananen an Bedürftige, und in Südafrika versorgen die FAIRTRADE-Weinbauernfamilien ihre ArbeiterInnen mit Desinfektionsmitteln.

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Hartwig Kirner im Gespräch mit einer lateinamerikanischen Systemerhalterin Fairtrade (c)

Welche Auswirkungen wird Covid-19 aus Ihrer Sicht auf den österreichischen Markt haben und wir wird sich das auf die FAIRTRADE-Produkte auswirken?

Viele unserer Partnerunternehmen in Österreich haben mit den Auswirkungen der Coronakrise und des Lock-Downs zu kämpfen. In der Gastronomie wird normalerweise knapp ein Drittel des FAIRTRADE-Kaffees konsumiert, hier gibt es sicher auch über das Jahr gerechnet Einbußen. Im Einzelhandel sind einige Produktgruppen stärker betroffen als andere, wie zum Beispiel die Rosen. Für die österreichischen Produzenten, vor allem die Schokoladehersteller, war das Wegbrechen des wichtigen Ostergeschäfts ein Problem, das genau in den Höhenpunkt des Lock-Downs gefallen ist. Insgesamt sind wir optimistisch, dass in der zweiten Jahreshälfte einige der Verluste wieder wettgemacht werden können. Eines ist aber klar: So weitermachen wie bisher, so als wäre nicht passiert, das werden wir nicht können. Zusammen mit der fortschreitenden Klimaveränderung, die Sie eingangs schon erwähnt haben, warten in Zukunft einfach zu große Herausforderungen.

Die Krise hat jedoch gezeigt, was wirklich wichtig ist. Wir haben gesehen wer dafür sorgt, dass wir auch in einer Krise weiterhin ein gutes Leben führen können – LKW-Fahrer, Supermarkt-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, Krankenschwestern und Bauernfamilien. Es ist höchste Zeit, dass wir die wiedergefundene Wertschätzung nicht nur emotional, sondern auch finanziell für diese Menschen ausdrücken. Wir haben auch gesehen, dass es möglich ist harte Maßnahmen zu ergreifen, um eine Krise abzuwenden. Während es vor ein paar Monaten noch undenkbar war über Einschränkungen im Flugverkehr nachzudenken, haben wir ihn derzeit vollständig eingestellt. Wenn wir über eine neue Normalität reden, sollte es nicht nur um den Schutz der aktuellen Generation gehen, sondern auch um eine lebenswerte Welt für unsere Kinder und Enkelkinder. Denn gegen die Klimakrise helfen keine Masken.

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