Gentechnikfreies Österreich in Gefahr

Lebensmittel. Trotz des eindeutigen EuGH-Urteils vom Juli 2018 befürchtet Gerhard Drexel, Vorstandsvorsitzender der Spar Österreich, dass bald gentechnisch veränderte Lebensmittel ungehindert auf den europäischen Markt gelangen werden.

retail: Warum setzen Sie sich so sehr für gentechnikfreie Lebensmittel ein?
Gerhard Drexel:
Die Gentechnik-freie Lebensmittelproduktion hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Qualitätsfaktor speziell für die österreichische Lebensmittelproduktion etabliert und ist Erfolgsgarant für den Absatz in Österreich, aber auch für den Export heimischer Qualitätsprodukte. Lebensmittel ohne Gentechnik sind ein eindeutiger Konsumentenwunsch, wie eine aktuelle Meinungsumfrage von Marketagent erneut zeigt: Für 85,2 Prozent der Befragten ist Gentechnikfreiheit ein wichtiger Aspekt beim Einkauf. Die europaweit intensiv diskutierten Verfahren der Neuen Gentechnik werden klipp und klar abgelehnt. Sie sollen genauso streng kontrolliert werden wie bisherige Gentechnik (84,1 Prozent), 69,3 Prozent der Befragten wollen derartige Produkte nicht auf dem Markt sehen. Das ist für uns einerseits die Bestätigung für unsere klare Ablehnung von bisheriger Gentechnik und andererseits für nötige strenge Kontrolle der sogenannten Neuen Gentechnik.

Der EuGH hat neue gentechnische Verfahren ebenso der Gentechnik-Gesetzgebung unterworfen. Weshalb also die Befürchtungen bezüglich einer Deregulierung?
Dieses EuGH-Urteil vom 25.7.2018 gibt wertvolle Rechtssicherheit, da es für die Verfahren der Neuen Gentechnik die gleichen Voraussetzungen verlangt wie für die bisherige: Verankerung des Vorsorgeprinzips, Notwendigkeit einer Risikoabschätzung, Kennzeichnungspflicht. Die damit geschaffene Rechtssicherheit soll aber ausgehöhlt werden: In Brüssel wird aktuell massiv von Saatgutindustrie, Chemiekonzernen, Biotechnologie-Vertretern und sogar Teilen der Landwirtschaftspolitik lobbyiert, um eine generelle Deregulierung der aus 2004 stammenden, bislang sehr wirkungsvollen europäischen Gentechnik-Gesetzgebung zu erreichen – und um dadurch die Verfahren der Neuen Gentechnik nützen zu können.

Welche Gefahren sehen Sie in der Neuen Gentechnik?
Eine Deregulierung der bestehenden Gesetzgebung hätte verheerende Auswirkungen auf gentechnikfrei produzierende Unternehmen. Es gibt für einige dieser Verfahren derzeit keine Nachweismethoden, es ist schlichtweg nicht möglich festzustellen, ob das Genom von Pflanzen durch diese Verfahren bewusst verändert wurde. Eine Rückverfolgbarkeit wäre nicht möglich. Produkte aus der Neuen Gentechnik könnten ungetestet und ungekennzeichnet auf den Markt gelangen und damit könnte das Vertrauen der Konsumenten in natürliche, gentechnisch unveränderte Lebensmittel nicht aufrechterhalten werden. Als letztes Glied in der Wertschöpfungskette, mit unmittelbarem Kontakt zu den Konsumenten, wäre der Lebensmitteleinzelhandel von diesem Vertrauensbruch überdurchschnittlich stark betroffen. Was fordern Sie daher? Politisch muss sich auch die neue EU-Kommission der Umsetzung des EuGH-Urteils verpflichten, also konkret dafür sorgen, dass keine Feldversuche mit Neuer Gentechnik genehmigt werden, Nachweisverfahren geschaffen und bei Lebensmittel-Importen angewandt werden. Auf marktwirtschaftlicher Ebene braucht es einen europäischen Schulterschluss der gentechnikfrei wirtschaftenden Unternehmen und eine Harmonisierung der teilweise etwas unterschiedlichen nationalen Kennzeichnungssysteme. Die nationalen und übernationalen Verbände des Handels und des Konsumentenschutzes müssen mit dazu beitragen, die Rahmenbedingungen für Gentechnikfreiheit nachhaltig zu festigen, europaweit zu schützen und vergleichbar zu machen.


Gerhard Drexel ist seit 2001 Vorstandsvorsitzender der Spar AG und Präsident der Vereinigung
Österreichischer Spar-Kaufleute.

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