„Jetzt muss man schnell sein“

14 Jahre lang war Jens-Peter Labus Geschäftsführer der MediaMarktSaturn IT Solutions. Jetzt berät der „Chief Cyborg Officer“ Handelsunternehmen in ihrer Digitalstrategie.

retail: Herr Labus, Sie haben sich in Ihre Hand einen Computerchip einpflanzen lassen. Wozu?

Jens-Peter Labus: Der Chip sitzt zwischen Daumen und Zeigefinger und speichert Informationen, die mittels NFC-Technologie ausgelesen werden können. Ich habe meine Visitenkarteninfos darauf gespeichert. Wenn ich meine Hand auf ein NFC-fähiges Smartphone lege, werden meine Kontaktdaten übertragen. Der Chip funktioniert außerdem noch als Schlüssel für mein Garagentor.

Hat es wehgetan, als Sie sich den Chip haben einsetzen lassen?

Natürlich hat es wehgetan, schließlich muss der Chip unter die Haut. Man weiß es aber im Vorfeld, es ist wie eine Impfung mit einer größeren Nadel, nach fünf Minuten war der Schmerz vorbei. Ich habe das auf offener Bühne bei einer Mitarbeiterveranstaltung von MediaMarkt/Saturn machen lassen, meine Kollegen waren außerordentlich überrascht. Aber am Ende des Tages waren alle 30 Chips des Herstellers bei interessierten Mitarbeitern implantiert – und ich bekam den Ehrentitel „Chief Cyborg Officer“.

Kramen war gestern: Jens Peter Labus trägt den Schlüssel immer in der Hand. (c) Jens Peter Labus

Inzwischen beraten Sie ein großes Handelsunternehmen in puncto Digitalisierungsstrategie. Wie spielen Ihre Erfahrungen als „Cyborg“ da hinein?

Im Retail könnten implantierte Chips bei Bezahlvorgängen eine Rolle spielen. Es wird reichen, seine Hand unmittelbar an ein Lesegerät zu halten, und die Transaktion ist komplett. Die nächste Stufe wird sein, dass man sich in einem Geschäft einloggt wie in einem Webshop. Mittels Gesichtserkennung oder Informationen auf einem implantierten Chip wird man sich als Kunde des Geschäfts identifizieren und nur so Einlass erhalten. Gerade bei supermodernen Ladenkonzepten, die ohne Kassa funktionieren, ist so eine Zutrittskontrolle sinnvoll.

Warum sollten sich Kunden so eine Kontrolle gefallen lassen?

Weil sie sich davon einen Vorteil versprechen. Sei es, zu besonderen Produkten zu kommen, Angebote zu erhalten oder einfach kein Bargeld mehr benutzen zu müssen. Für die Händler wiederum ergeben sich Chancen dadurch, dass sie viel mehr über die Kaufhistorie ihrer einzelnen Kunden wissen – wie im Webshop. Damit lässt sich das Angebot optimieren, automatische Sortimentierungsentscheidungen treffen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Maschinen mit künstlicher Intelligenz auf Basis von Kundendaten viel bessere Entscheidungen treffen können, als es das Bauchgefühl von Händlern vermag. Die Wahl der Lieferanten, der Warengruppen, des Sortiments, der Bestückung, des Preises – all das kann automatisiert werden und wird daher auch automatisiert.

Wo bleibt der Händler in dieser Entwicklung?

Er wird sich anpassen müssen und weiterentwickeln. Ihm werden weiter die Tätigkeiten vorbehalten sein, die soziale Kompetenz benötigen. Natürlich sind wir soziale Wesen und brauchen den menschlichen Kontakt. Schließlich gehen wir ja nicht zuletzt auch aus sozialen Gründen einkaufen. Ich glaube nicht, dass wir da mit Robotern sprechen wollen und werden. Wenn wir Austausch wollen, Beratung, wird dafür immer ein Mensch erforderlich sein.

Was ist das Wichtigste, das Händler jetzt beachten müssen?

Sie müssen schnell sein. Ich habe vor 20 Jahren in der Musikindustrie selbst miterlebt, wie rasant der digitale Wandel über eine Branche hinwegfegen kann. Wenn es losgeht, ist Geschwindigkeit der Schlüssel, die Bereitschaft, sich selbst zu verändern. Wer das nicht macht, kommt schneller unter die Räder, als man glauben möchte.

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